Visualisierung

Ein Buch zu schreiben ist verdammt schwer. Wie bekommt man es bloß hin, dass man ehrlich und wirklich jeden Tag schreibt?, denkt sie.

Sie hat es sich extra gemütlich gemacht mit ihrem Laptop auf der Couch. Alles was sie brauchte hat sie sich in Armeslänge herangeholt, eine große Wasserflasche, die Salzstängel, den Thesaurus und den Duden.
Eigentlich könnte sie jetzt loslegen, die Worte aufs Papier bringen und die Geschichte durch ihren Körper fließen lassen.

Aber nichts dergleichen geschah. Bisher hatte sie zwei Worte auf der Computerseite stehen: Sie wollte...

Ja, was wollte sie eigentlich? Sie wollte eines Tages in eine Buchhandlung gehen und wahllos durch die Krimis, Kindergeschichten, Jugendromane, Liebesschmöker und Phantasyerzählungen gehen. Hier und da ein Buch in den Händen halten, die Inhaltsangabe lesen, bis ihr eines so zusagte, dass eine innere Stimme ihr sagte, dass musst du kaufen. Und dann würde sie eine Stimme hören: Mami, bitte kauf mir das Buch von S... Alle anderen in meiner Klasse haben es auch, biiiiiittteeee. Und dann würde sie sich zu der Stimme hindrehen, die da so herzzerreißend flehte, weil es dieses eine Buch haben wollte – ihr Buch, dass sie geschrieben hatte.

Realistisch wie sie war hatte sie sich den Gedanken abgeschminkt mit Büchern ihren Lebensunterhalt zu verdienen und doch insgeheim, wenn sie ein bischen vor sich hinträumte und ihrer Phantasie freien Lauf ließ, hoffte sie doch auf den großen Erfolg alà Keating – aber das würde sie öffentlich niemals zugeben.

Tja, aber erst einmal etwas aufs Papier bringen, meine Liebe, dachte sie bei sich wie so häufig in der letzten Zeit.

Dabei hatte sie sich erst letztens ein Buch gekauft, dass ihr genau bei diesem Problem helfen sollte.
Visualisierung

Voller Hoffnung war sie aus der Buchhandlung nach Hause gegangen und hatte die Schwere in ihrer Tasche gespürt, fast so als enthielte sie den Stein der Weisen.

Sofort hatte sie sich daran gesetzt. Es war leicht und flüssig zu lesen und hatte sogar dieses Quentchen Humor, um es dem Leser zugänglich zu machen. Auch eine CD war dabei gewesen. Diese sollte die Gedanken auf das zu Erreichende fokussieren und das Gehirn darauf programmieren.

Bereits am ersten Abend hatte sie sich die Klänge und die wohltuende Stimme angehört. Alles was diese Stimme sagte erschien ihr so sinnvoll und richtig.
„Denken sie an die Person, die sie gerne sein möchten!“
Schriftstellerin, Keating, Schriftstellerin, Keating...
„Sehen Sie der Person zu, wie sie ganz alltägliche Dinge tut!“
Schreiben, Wäsche aufhängen, schreiben, tanzen, schreiben, Sport, schreiben, Kino, schreiben, Autogramme geben...
„Schlüpfen sie nun in die Rolle desjenigen, den sie gerade beobachten! Fühlen Sie, was die Person fühlt, denken sie was die Person denkt“
Herrlich!
„Gehen sie nun in die Vergangenheit der Person. Spüren sie, was die Person tun musste um ihr Ziel zu erreichen, fühlen sie, wie es sich anfühlt all diese Dinge zu tun!“
Schreiben, Müdigkeit, Versagensängste, Gefühl der Unzulänglichkeit, Scheiß Schreiben,...
„Visualisieren sie noch einmal die Person, die sie sein möchten und konzentrieren sich auf den Erfolg, den die Person hat.“
Herrlich...
„Wenn ich nun von 10 rückwärts zähle, wachen sie langsam auf, fühlen sich entspannt und voller Tatendrang.“

Vor ihr schienen die zwei Worte rot zu blinken und immer größer zu werden: Sie wollte..

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