Hast du Angst im Dunkeln?

Für Kinder bedeutet Angst oftmals Konfrontation mit dem Unbekannten, Auseinandersetzen mit der eigenen Fantasie und dem Realisieren, ob es die vorgestellten Dinge tatsächlich gibt oder nicht - aber manchmal ist es auch etwas anderes, das sie fürchten.

Sie lag oft mit weit aufgerissenen Augen in ihrem Bett in der Dunkelheit. Allein schon die Dunkelheit machte ihr Angst. Um sich abzulenken, spielte sie unter ihrer Bettdecke mit ihren Füßen. Ihre Füße waren Eichhörnchen, die sich unter ihrer Decke vor dem bösen Wolf versteckten. Immer wieder blickten die Eichhörchen unter der Bettdecke hervor, streckten neugierig ihre Nasen heraus, schnupperten, fassten Vertrauen, kamen hervorgekrochen, nur um wenig später festzustellen, dass der Wolf gar nicht verschwunden war und aus einem Versteck den Eichhörnchen auflauerte und sie wieder unter die Decke trieb.
Dieses Spiel spielte sie sehr lange, nur die Gegner variierten. Aus Ihnen wurden Monster, Vampire und Werwölfe.
Als sie älter wurde, wurde ihr Spiel zur bitteren Realität.
Nachts in ihrem Bett lag sie wach in der Dunkelheit, hörte auf die Stimme, die zweifellos kommen würde. Zuerst war es jedesmal nur ein Poltern. Und mit diesem Poltern erhöhte sich ihr Puls und das Herz pochte in ihrer Brust. Dann hörte sie den schnaufende Atem. Obwohl die Tür verschlossen war, meinte sie den heißen Atem förmlich zu spüren. Es klopfte und leise schnarrend wurde ihr Name gerufen. Die Angst schnürte ihr die Luft zu. Ihre Hände klammerten sich um das Messer, dass griffbereit unter ihrem Bett lag. Die Stimme wurde lauter, bat sie einzulassen. Sie hörte den Alkohol aus der sonst so vertrauten Stimme sprechen, roch beinahe den seltsam süßlich, herben Geruch, den sie inzwischen so gut kannte.
Sie antwortete nicht, hörte nur auf den eigenen Herzschlag und zog sich immer mehr in ihr Innerstes zurück, das Messer schützend an die Brust gedrückt. Die Stimme wurde lauter, flehender, aggressiver – fast sekündlich erhöhte sich die Intensität.
Ihr Herzschlag verringerte sich – gleich ist es vorbei, dann würde die Stimme anfangen zu weinen, zu betteln und schließlich leise vor sich hinfluchend hinausschlurfen, die Tür zum Flur schließen und verschwinden.
Was zürückbleibt ist ein hasserfülltes, ängstliches, junges Mädchen mit einem Messer, das nie wieder vertrauensvoll die Tür öffnen wird.

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