Das Silo

Der Heuboden war JaJas liebster Ort. Es roch so herrlich nach dem getrockneten Gras und wenn sie sich hinlegte kitzelte es schön im Nacken.
Mein Reich. Das ist alles mein Reich, dachte sie noch und genoß die Sonnenstrahlen die durch das staubige Oberfenster ihr Gesicht wärmten.
Aber es gab auch noch die andere Ecke des Heuschobers – die dunkle Seite. Durch einen kleinen Gang waren beide Seiten voneinander getrennt. Nur ein Seil war gespannt durch dass man hinüberschwingen konnte. Das Seil hing noch aus der Zeit als es noch keinen Krieg gab. Der Krieg zwischen den Mädchen und den Jungen.

Wer ihn angefangen hatte, war inzwischen egal. Wenn man die Jungs ansprach behaupteten sie, dass die Mädchen angefangen hätten und die Mädchen behaupteten das Gegenteil.
Ein mal, hatten die Jungs den Mädchen einen gemeinen Cocktail gemacht. Ganz hinten unter einer Ladung Stroh hatten die Mädchen ein Geheimversteck in dem sie Süßigkeiten und Cola aufbewahrten. Das Cola hatten sie von einem der vielen Feste, die ihr Onkel auf dem Bauernhof gab, stibitzt, denn eigentlich durfte JaJa keine Cola trinken.
Schwarzer Sekt, nannte Opa ihn. JaJa gefiel das.

Die Jungen hatten eine der Flaschen genommen, einen Teil weggeschüttet und mit allerlei ekelhaften Sachen wieder aufgefüllt. Als JaJa davon trank knirschten ihre Zähne von dem Sand.
Denen zahlen wir es heim, sagten sich die Mädchen und versteckten die Sceletor-Figuren der Jungen. Bis heute haben die sie noch nicht gefunden.

„Hey JaJa, komm mal schnell runter.“
Jaja rollte sich auf den Bauch und späte über die Heuballen hinweg in die Tiefe. Unten standen ihr Bruder und sein Freund Florian.
„Was ist denn?“, fragte das Mädchen argwöhnisch.
„Die Uschi ist im Silo gefangen.“
„Was?“, JaJa fuhr zusammen. Uschi ist die alte Schäferhündin ihres Onkels und Jaja mochte sie gerne, so wie jedes Tier auf dem Bauernhof.
„Holt sie raus – sofort!“
„Geht nicht. Sie ist runtergerutscht. Du bist klein, du könntest sie holen.“
In ihrer Sorge bemerkte JaJa nicht das fiese Grinsen auf den Gesichtern der Jungs. Schnell stieg sie hinab und lief zum Silo. Die Jungs hatten es schon geöffnet. JaJa streckte den Kopf hinein, aber von Uschi fehlte jede Spur.
„Aber sie ist dort nicht.“
„Stimmt, aber du jetzt.“
Sie wurde geschubst und viel in den restlichen Hafer, der im Silo aufbewahrt wurde.
„Lasst mich hier raus!“
Die Jungs kicherten.
„Pass auf die Ratten auf. Im Silo sind sie besonders angriffslustig.“

JaJa erschrak. Sie hatte Geschichten von Ratten gehört, die sich von einem Ohr zum anderen Ohr fressen konnten. Ihr Opa hatte ihr das erzählt. Das sei dem Zinser Toni passiert und seit dem sei sein Kopf ganz leer, deshalb wählten die Menschen ihn auch zum Ortsvorsteher. Aus Mitleid.
JaJa wollte kein Mitleid. Sie hielt sich an einer dünnen Rille fest und zog sich nach oben. Nur ein schmaler Tritt verhinderte dass sie weiter nach unten rutschte.
Ihr doofen Ratten kriegt mein Gehirn nicht.

„Ey, Jaja, was machste denn da drinne. Des is doch gefährlisch.“
Onkel Willi packte sie kräftig am Arm und zog sie hinaus.
„Die Jungs haben mich eingesperrt.“
JaJa liefen Tränen die Wange hinunter, so sehr hatte sie sich die letzten beiden Stunden gefürchtet.
„Na, die könne was erlebe, die Rabauke.“
„Onkel Willi, ich habe eine Idee wie wir es denen heimzahlen können. Machst du mit?“
Onkel Willi beugte sich zu ihr hinunter, damit sie in sein Ohr flüstern konnte und mit jedem Wort umspielte ein spitzbübisches Schmunzeln sein wettergegerbtes Gesicht.
„So mache mehr das. Des ist schei.“

„Bube kommt emol schnell do her“, rief Onkel Willi aufgebracht.
Schuldbewusst strichen die Jungens zum Silo. Vor dem Silo stand JaJa, die Kleidung zerrissen, das Gesicht verdreckt. Die Jungens erstarrten.
„Die Kloa is in de Silo gestiegen. Wer weiß warum“, Onkel Willi tat so, als wolle er nicht dass JaJa die nächsten Worte mitbekam: „Und die Ratte habe ihr Gehirn gegesse. Sin beim rechte Ohr nin und zum annere widder naus. Ich hab grad noch eine am Schwanz naus gezoge. De Dr. Maddin hat immer Recht gehabt. Des Gehirn von nem Mensche ist des Beste annim.“
„Srrgh. Grrliu“, gurgelte JaJa und fasste sich an ihr Ohr. Mit zwei Fingerspitzen hielt sie einen langen buschigen Schwanz fest und zog langsam daran.
„Aber, aber… Das wollten wir doch nicht!“, schrien die Jungs und hörten nicht mehr das schadenfrohe Gelächter in ihrem Rücken.

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