Solmsschlößchen

Wie jeden Abend nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause schlendere ich an dem riesigen Anwesen des Solmschlößchens vorbei und genauso wie jedes Mal recke ich auch dieses Mal wieder den Hals so sehr, dass es beinahe weh tut um über die Mauer in diesen verwunschen und verwinkelten Garten hineinzuschauen.
Mitten in der Stadt steht dieses kleine Einod fast gänzlich unbeachtet zwischen Plattenbauten und baufällig gewordenen, tristen Villen.
Der unregelmäßige Grundriss des Schlösschens mit seinen Erkern und Ecktürmchen fasziniert mich jedes Mal aufs Neue.
Wer dort wohl leben mag? Was haben diese Mauern, der Garten, die Pagode, die an der Ecke über der Mauer tront wohl zu erzählen, wenn man sie nur lassen würde.
Das schwere Eisentor ist geöffnet und ich betrete die Straße in der Hoffnung dort einen besseren Blick in das Haus werfen zu können oder zumindest den Garten besser sehen zu können.
Ich spüre, dass ich beobachtet werde und mein Kopf folgt unwillkürlich der Anziehungskraft dieser beiden Augenpaare. Aus einem der Fenster in den vielen Zinnen der Schlösschens blickt er auf mich hinab - die Augen eisblau.
Dann höre ich Reifen quietschen und es wird dunkel.

„Sie kommt wieder zu sich!“
„Das arme Ding!“
Langsam öffne ich die Augen und blicke in 4 besorgte Augenpaare. Ich versuche mich aufzusetzen, aber mein Kopf scheint unglaublich schwer zu sein.
„Sein se vorsichtig, Kind. Sie sind ganz schön, aufs hübsche Köpfchen gefallen.“
Der Mann der das Wort an mich gerichtet hat sieht seltsam altbacken aus. Er trägt eine Art langen Pullover um dessen Hüfte ein goldener Gürtel prangt. Seine Beine stecken in eine schwarzsamtenen, engen Hose und seine Füße zieren spitz zulaufende Schuhe.
Die ältere Frau, die sich ebenfalls über mich beugt steht dem in nichts nach. Sie trägt ein schwarzes, hochgeschlossens Kleid und um den Hals eine Rundspitze.
Viel mehr überkommt mich allerdings der Schreck als ich an mir selbst hinunterblicke. Ich stecke in einem cremefarbenen Kleid über und über mit Rüschen bedeckt.
„Was ist passiert?“
„Oh, sie sind in Ohnmacht gefallen, Fräulein!“, sagt die ältere Dame und tätschelt mir die Wange.
„Wo bin ich?“
„Sie sind im Herrschaftshaus des Prinzen Albrecht zu Soms-Braunfels, Kindchen!“
Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen, war das nicht der Erbauer des Solmsschlößchens.

„Was ist hier los?“
Sofort stoben der Herr und die Frau auseinander und gaben den Blick auf einen Mann frei, der soeben die Stufen hinabgetreten war und an dessen Seite ein schwarzer Jagdhund ergeben ging.
„Die junge Dame ist auf der Straße zusammengebrochen, Herr!“
Der Mann verbeugte sich tief.
Ich versuche Herr über meine Lage zu werden, was mir nur schwerlich gelingt. Vorsichtig blicke ich mich um – das hier ist wirklich das Solmsschlößchen und scheinbar war dieser mann mit dem verkniffenen Mund tatsächlich der Prinz Albrecht von dem ich gelesen hatte.
Ich versuche aufzustehen, was mir in dem langen Kleid nur unbeholfen gelingt.
Endlich stehe ich tatsächlich vor dem Prinzen und versuche einen Knicks so wie ich mir vorstelle, dass er zur damaligen Zeit angebracht gewesen wäre. Ich blicke in an in diese eisblauen Augen und suche nach den richtigen Worten.

„Es tut mir leid, Herr, dass Sie so viele Umstände meinetwegen haben. Ich fiel einer leichten Ohnmacht anheim.“
Nicht schlecht für den Anfang finde ich.
„Wie heißen Sie?“
„Ich – Franziska ähm, Schorbach.“
„So, sind Sie mit dem Ferdinand Schorbach verwandt, der die Pläne für dieses Anwesen fertigte?“
„Ja, er ist mein Großonkel“, log ich.
„Nun denn, seien Sie in meinem Hause herzlich willkommen. Ich hoffe, es geht Ihnen besser.“
Der Prinz lächelt mir zu, reicht ihr galant den Arm und führt mich durch eine zweistöckige, ganz aus Holz bestehende Halle.
„Sie staunen wohl über das Wunderwerk, das ihr Großonkel gezaubert hat?“
Ich klappe erschrocken meinen Mund wieder zu und spürte, wie sich mein Gesicht erhitzt. Doch der Prinz lächelt nur und führt mich in einen kleinen Salon in dem mehrere Sessel und ein brennender Kamin zum Verweilen einluden. Prinz Albrecht läßt mich Platz nehmen, während er sich mir gegenüber setzt und seinen Hund, der sich dicht an seiner Seite niederläßt den Kopf streichelt.
„Nun, was bringt ein junges Mädchen wie Sie dazu, alleine auf der Straße herumzulaufen?“
Mehrere Lügen schießen mir durch den Kopf aber diese scheint mir die Plausibelste: „Meine Eltern schickten mich hierher zur Kur und ich wollte nur einen kleinen Spaziergang machen, habe mich aber vollends verirrt.“
„Das ist nur zu verständlich, wenn man sich hier nicht auskennt, meine Gute. Ich werde Sie nachher von Johann zurück ins Kurhaus bringen lassen. Wie lange werden Sie noch hier verweilen.“
Eine Kur in meiner Zeit dauert meistens 6 Wochen, wie ich weiß, aber ich denke, dass ein längerer Zeitraum plausibler wäre.
„Ich kann Wiesbaden für 3 Monate genießen.“
„Das ist ja vorzüglich. Diese Stadt kann ein bischen frischen Wind gut gebrauchen.“
„Prinz Albrecht“, beginne ich und weiß nicht recht ob diese Anrede die Richtige ist. „Ich habe eine äußerst unverschämte Bitte an Sie.“
„Nun, die wäre?“
„Mein Großonkel schwärmte mir immer so von ihrem Anwesen vor, dass ich Sie darum bitten würde mich einmal herumzuführen.“
Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit vielleicht zu weit gehe, aber ich wollte die Gunst der Stunde nutzen und die Zeit die mir hier bleibt.
„Es ist schon ein wahres Meisterstück meine Liebe. Gerne werde ich Sie im Hause herumführen. Bis auf meine privaten Gemächer werde ich Ihnen alles zeigen.“
Treppauf, treppab geht es durch künstlerische Architektur die ihresgleichen sucht. Ich bewundere die vielfältigen Gemälde und die Genauigkeit der dargestellten Szenen in den Vertäfelungen. Jagdszenen reihen sich an Krönungszeremonien bis hin zu biblischen Darstellungen. Jeder Raum offenbart weitere Schätze unsagbarer Fertigkeiten der damaligen Zeit. Zu jedem Raum hatte der Prinz eine Geschichte oder ein nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochenes Gerücht zu erzählen. So soll es sich zugetragen haben, dass die Tochter des Reiseunternehmers Cook, der inzwischen ein recht florierendes Geschäfts betreibt, in einem der Gemächer der Lüsternheit verfiel und sich einem einfachen Knecht hingab. Auch über König Wilhelm II, den zweiten wusste er eine illustere Details auszuplaudern, die jeder anderen die schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.
Ich staune über diese und noch mehr Geschichten und sog dabei die Anblicke jedes noch so kleinen Details förmlich in mich auf.
Von all diesen Eindrücken fühle ich mich plötzlich unsäglich schwindelig und müde- und wieder wurde es schwarz.
„Mensch, was suchste denn auch mitten auf de Strasse. Beinahe hätte ich dich überfahren!“
Mir dreht sich noch immer alles, als ich von starken Armen auf die Füße gehoben werde.
Ich stehe noch immer vor dem Solmsschlößchen. Vor mir steht ein großer schwarzer Mercedes und scheinbar der Fahrer des Wagens, ein älterer Herr um die 60, der mich besorgt anblickt.
„Wo waren sie nur mit Ihren Gedanken?“
Bei einem Prinzen, antworte ich in Gedanken, entschuldige mich aber bei dem Herrn. Noch immer leicht verwirrt klopfe ich mir den Staub aus dem Mantel und sage dem Schlösschen Auf wiedersehen.

Als ich Abends an meinem Laptop sitze überkommt mich die Neugier und ich beginne mit meinen Nachforschungen. Ich erfahren, dass mein Prinz nicht lange das Anwesen bewohnte. Er erkrankte psychisch schwer und auch der bekannte Pfarrer Kneipp konnte ihm nicht helfen. Der Prinz selbst gab an den Geist eines jungen Mädchens ohnmächtig vor seiner Tür gefunden zu haben, ihn durch sein Anwesen begleitet zu haben und dann mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie dieser sich in Luft auflöste

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