McDiarmid - der Krankenhauskobold

McDiarmid der Krankenhauskobold
Kati lag hellwach in ihrem Kinderbett. Leise hörte sie die anderen Kinder in ihren Betten atmen und fragte sich, wie sie in dieser fremden Umgebung schlafen konnten. Kati war gestern morgen ins Krankenhaus gekommen, weil ihr der Hals fürchterlich weh getan hatte. Die Ärzte hatten sie den ganzen Tag untersucht und mit seinen kalten Fingern auf ihrem Hals herumgedrückt.
„Ihre Tochter hat eine akute Mandelentzündung, Frau Becker. Wir möchten sie gerne ein paar Tage dabehalten. Vielleicht müssen wir die Mandeln entfernen, aber das müssen wir erst abwarten“, sagte der Arzt zu ihrer Mutter.
Kati hatte furchtbare Angst. Sie wollte nicht operiert werden und trotzig erklärte sie: „Die Mandeln bleiben drin. Mir doch egal, dass sie weh tun!“
Auch alles liebevolle Zureden der Mutter und die Versprechung, sie würde nach der Operation ganz viel Eis bekommen, konnten ihre Meinung nicht ändern. Den Rest des Tages saß sie mit einer richtigen Sauertopfmiene auf ihrem Bett und schmollte. Erst als sie nach Hause gehen wollte und sich mit einem Kuss von Kati verabschiedete wurde es ihr ganz bang und sie weinte bitterlich: „Bitte Mama, lass mich nicht hier. Die Mandeln tun auch gar nicht mehr weh“, und wie um es zu beweisen öffnete sie ganz weit den Mund und sagte: „Aaaahhhhhhh.“
„Ach Kati“, die Mutter setzte sich an ihr Bett und umarmte sie ganz fest. „Du brauchst keine Angst zu haben. Sieh mal hier sind so viele Kinder und die Krankenschwestern sind ganz lieb. Ich bin auch morgen ganz früh wieder da, ja?“
Sie gab Kati einen Kuss auf die Stirn und ging. Und nun war Kati ganz allein in diesem Bett mit den anderen Kindern, die schon alle tief und fest schliefen. Nur sie selbst konnte nicht schlafen. All die Geräusche, das kleine, grünliche Licht, dass vom Gang hereinkam waren ihr so unbekannt und fremd.
„Mistiges Drecksding, nun komm schon.“
Kati setzte sich abrupt im Bett auf. Hatte da jemand etwas gesagt? Sie horchte angestrengt in die Stille hinein.
„Uffz, dass ist ganz schön schwer. Da muss man ja aufpassen, dass man sich keinen Bruch hebt. Wenn jetzt nur mein Vetter mitgekommen wäre. Aber nein, nein, der wollte ja lieber zu Hause bleiben und Fernsehen“, so ging es in einem fort mit Schimpfereien in einer hohen, piepsigen Stimme.
Kati blickte in die Dunkelheit, konnte aber niemanden sehen, aber die Stimme war immer noch da.
„Hallo?“ fragte sie.
Die Stimme schwieg und Kati glaubte schon, dass sie sich getäuscht haben musste, aber dann hörte sie ein leises Schlurfen, wie wenn etwas über den Boden gezogen würde.
Sie blickte den Boden entlang und unter ihr Bett und tatsächlich unter ihrem Bett lag ein Keks, der langsam aber sicher weiter gezogen wurde.
Kati kroch auf die andere Seite des Bettes und blickte auf den grünen Linoleumfussboden. Sie musste nicht lange warten und der Keks kam hervorgekrochen. Sie beugte sich zu ihm hinunter und hielt ihn mit dem Zeigefinger fest. Sie spürte, wie jemand an dem Keks ruckelte, ihn aber nicht von der Stelle bekam.
„Hey, du langes Ungetüm. Das ist mein Keks. Lass gefälligst los!“
Kati erschrak. Vor dem Keks war ein kleines Männchen aufgetaucht – kaum so groß wie ihr Daumennagel. Es trug einen grünen, spitzen Hut mit einer roten Feder, braune Puffhosen und ein in verschiedenen Grün- und Brauntönen kariertes Wams.
„Tja, da guckst du jetzt ganz schön doof aus der Wäsche, Menschenkind. Jetzt mach den Mund zu und lass den Keks los!“
Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sich der kleine Kerl um. Kati bemerkt erst jetzt, dass er um die Schulter ein Seil gebunden hatte und das andere Ende um den Keks gelegt hatte und so das schwere Gebäck nach vorne wuchtete.
Kati hatte noch immer ihren Finger auf dem Keks und wütend blickte sich das Männchen um: „Würdest du bitte deinen Finger herunternehmen, damit ich ihn weiterziehen kann?“, fragte es genervt.
„Ähm, entschuldige ja, sicher.“
Kati nahm ihren Finger von dem Keks. Das Männchen nahm seinen Hut vom Kopf und verbeugte sich galant vor ihr, bevor es fortfuhr den Keks weiter zu ziehen.
„Kann ich dir vielleicht helfen?“ Kati blickte ihn unsicher an. „Ich könnte dir den Keks tragen bis... na ja, wo du halt wohnst.“
Der Zwerg schien ernsthaft über ihre Bemerkung nachzudenken und sagte schließlich: „Nun, obwohl ich es alleine könnte, wäre es wirklich sehr hilfreich, wenn du mir helfen würdest, mein Kind. Ich wohne im Keller des Krankenhauses, hinter dem dritten Regal des Uralt-Archives.“
„Das Uralt-Archiv?“, fragte Kati.
„Ja, natürlich. Im Uralt-Archiv sind viele alte Krankenakten und kaum einer verirrt sich mehr dorthin, deshalb können wir dort auch ungestört wohnen.“
„Wir? Gibt es denn noch mehr von euch?“
„Oh ja, natürlich. Da gibt es die O`Donalds, die McGreggors, die Liffors, die Donahugs, die Carlights und meine Familie – die McDiarmids.“
Kati schwirrte der Kopf: „Dann heiß du McDiarmid.“
Der Winzling nickte würdevoll und streckte sich einen Nanomillimeter höher in die Luft.
„Aber was seid ihr eigentlich genau. Zwerge oder Gnome?“
„Das ist ja wohl unerhört Kind. Sehe ich etwa aus wie ein hässlicher Zwerg oder ein trunkener Gnom?“
Kati zuckte mit den Schultern.
„Das ist ja nicht zu glauben. Wisst ihr Menschenkinder denn gar nichts? Kann noch nicht mal einen Zwerg von einem Kobold unterscheiden. Und mich dann auch noch mit den Tunichtguten von Gnomen zu vergleichen, die nichts anderes im Sinn haben als sich zu betrinken und Streit anzufangen.“
„Ist ja schon gut. Verzeihung“, versuchte Kati zu beschwichtigen und ihn in seinem Redeschwall zu unterbrechen. „Ich bin Kati.“
„Ich weiß, die akute Mandelentzündung.“
„Woher weißt du das?“
„Na, das steht auf deinem Schild an dem Ende deines Bettes. Bei meiner Runde abends schau ich mir gerne die Schilder an. Ich lese nämlich für mein Leben gern, musst du wissen. Deshalb sagen meine Verwandten, dass ich etwas sonderlich bin“, er blickte betrübt drein. „Nun ja, du musst wissen, wir Kobolde sind sehr klug und wissen allerhand, nur lesen das mögen wir eigentlich gar nicht – bis auf mich. Da wir aber sehr wenige Bücher besitzen und eure Bücher viel zu groß für mich sind, beschränke ich mich darauf die Krankenschilder zu lesen.“ Er zuckte bedauernd mit den Schultern.
„So, nun kommen wir aber zum eigentlichen Thema. Dein nettes Angebot, mich und meine Ware zu meinem Heim zu bringen.“
„Wie sollen wir das denn machen? Die Krankenschwester wird mich doch nicht einfach in den Keller lassen?
„Nein, bestimmt nicht. Aber wir werden sie nicht fragen“, McDiarmid grinste sie schelmisch an.
„Zieh dir erst mal Hausschuhe und Jacke an. Wir wollen doch nicht, dass deine Mandelentzündung schlimmer wird. Dann kannst du mich und den Keks in deine Jackentasche stecken. Und ich werde dir zuflüstern, wo du lang musst, damit wir nicht erwischt werden.“
Kati tat, wie der Kobold ihr geheißen und zusammen verließen sie das Krankenzimmer, tasteten sich an der Wand entlang und schlichen an der Schwester vorbei, die an ihrem Stationstresen saß und einen Kaffee trank.
„So, hier müssen wir einsteigen und auf 0 drücken - das ist der Keller“, sagte McDiarmid als sie den Aufzug erreichten.
Der Keller war nur spärlich beleuchtet und Kati ging sehr vorsichtig den langen Gang entlang. Sie blickte sich immer wieder um, ob sie nicht doch von jemandem gesehen worden waren, aber sie waren ganz alleine. Schließlich stand sie vor einer Art Gittertür, die nicht verschlossen war und ging hindurch. An den Wänden türmten sich bis unter die Decke viele lange Regalreihen mit scheinbar hunderten von Ordnern, Akten und Kartons.
„So, dieses Regal ist es. Das da vorne“, McDiarmid war seit sie in den Keller gekommen waren auf Katis Schulter geklettert und zeigte nun auf ein Regal, dass fast unter seiner Last zusammenzubrechen drohte.
„Lass mich mal hinunter“, bat McDiarmid.
Kati setzte ihn ab und der Kobold lief flink unter das Regal und sie hörte, wie er leise klopfte – dreimal kurz, dreimal lang.
„Hey, McDiarmid. Bist du mal wieder da. Haben schon gedacht, du wärst erwischt worden. Hast du was essbares gefunden?“, hörte Kati eine Frauenstimme.
„Ja, aber ich hab noch eine Freundin mitgebracht. Ein Menschenkind. Sie half mir den Keks nach unten zu bringen.“
„Oh, einen Gast. Warum hast du das denn nicht gleich gesagt, mein Lieber. Hol das liebe Kind doch rein. Wir hatten so lange niemanden mehr da.“
McDiarmid kam wieder unter dem Regal hervor und ihm kam eine kaum merklich kleinerer, weiblicher Kobold hinterher. Sie hatte feuerrote Haare, eine knollige Nase und freundliche, blaue Augen.
„Das ist meine Frau, Meggie. Meggie, das ist Kati.“
„Ach liebes Kind, warum stehst du denn hier draußen. Komm doch herein und sei uns herzlich willkommen.“
Sie wollte sich schon herumdrehen als Kati sagte: „Aber ich bin doch viel zu groß.“
„Ach ja, natürlich. Brian, mach das Mädchen kleiner, damit es zu uns kommen kann.“
„Aber gib zuerst einmal den Keks her, Kind. Am Ende wird der auch kleiner.“
Kati gab ihm den Keks. Dann drehte McDiarmid sich ihr zu, hob seine kleinen Ärmchen, schloss die Augen und murmelte etwas, das Kati nicht verstehen konnte.
Plöztlich wurde es Kati ganz schwummerig vor Augen und sie hatte das Gefühl die Regalreihen würden mit einem Mal größer werden und wachsen bis sie schließlich riesig groß waren.
„So, das wäre erledigt. Komm jetzt hinein.“
Kati blickte den Kobold verdutzt an, der nun mit ihr auf einer Augenhöhe war. Sie begriff langsam, dass nicht die Regale gewachsen waren sondern sie geschrumpft.
McDiarmid und seine Frau waren bereits in einer mausgroßen Öffnung verschwunden hinter der ein einladender, flackernder Lichtschein nach draußen drang.
„Wo bleibst du denn?“ hörte sie Meggie rufen.
Als Kati durch die Tür trat, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Hinter der Tür gab es eine Vielzahl von Gängen und Tunneln an deren Seiten viele Türen angebracht waren.
„Hier entlang, Kind.“ McDiarmid wies auf einen Gang der nach links führte und ging direkt auf eine geöffnete Tür zu.
In dem Raum stand ein großer Kamin, in dem bereits ein Feuer brannte und vor dem ein älterer Mann in einem Schaukelstuhl saß und schlief. Auf der linken Seite befand sich eine sehr kleine Küche, in der Meggie bereits herumwirbelte. Zwei Kinder saßen vor einer kleinen Fernseher herum und sahen die Simpsons.
„Kinder sagt Kati Guten Abend. Sie ist unser Gast. Und stellt den Fernseher ab.“
„Och, Mama.“
„Schluss jetzt, keine Diskussion. Fernseher aus!“
Die Kinder machten den Fernseher aus und begrüßten Kati mit einem kurzen Hallo. Dann setzten Sie sich um einen großen Holztisch, der im Mittelpunkt des Raumes stand. McDiarmid kam aus einem anderen Zimmer heraus, in der einen Hand eine Flasche mit Wein und eine Flasche Saft.“
„Saft oder Wein, Kati?“
„Saft, bitte.“
„Ach, du bist auch ein Dummchen. Kannst doch einem Menschenkind keinen Alkohol anbieten. Nicht wahr Kati? Setz dich erst mal hier hin“, Maggie deutete auf einen Stuhl am Kopf des Tisches.
Der Abend wurde richtig gemütlich. Die McDiarmids erzählten ihr, dass sie bereits vor Jahren ins Krankenhaus gezogen waren, hier und da dem Krankenhauspersonal einen Streich spielten, aber hauptsächlich das Essen stahlen. Doch die McDiamids nannten dies selbstverständlich nicht stehlen, sondern vielmehr auf unbestimmte Zeit ausleihen.
Robbie, der jüngste der beiden Geschwister erzählte Kati, wie er einmal auf der Schulter des Chefarztes gesessen hatte und ihm Schimpfworte ins Ohr gesagt hatte, während er eine ältere Dame untersucht hatte. Natürlich hatte der Arzt nicht zugeben wollen, dass er Stimmen hörte, aber auf seine Arbeit hatte er sich auch nicht mehr konzentrieren können und sich für den Tag krank gemeldet.
Auch auf das Konto seiner Schwester gingen mehrere Streiche, die sie nicht ohne Stolz Kati mitteilte. Sie hatte in der Krankenhausküche ganz viel Salz in die Suppe gestreut, hatte nachts durch alle Lautsprecher Musik von Tokio Hotel spielen lassen und hatte einem schlafenden Jungen ein rote Nase gemalt.
Kati musste sich den Bauch halten vor lachen.
„So Kati, aber jetzt erzähl du doch mal. Warum bist du im Krankenhaus?“
„Sie hat eine Mandelentzündung und die müssen sehr wahrscheinlich operieren.“
„Ich will sie aber nicht operieren lassen“, brach es aus Kati heraus und beinahe hätte sie geweint.
„Hast du Angst vor der Operation?“, fragte Meggie mitfühlend und Kati nickte.
„Weißt du, in unserer alten Heimat – Irland. Da waren wir Kobolde nicht nur bekannt dafür, dass wir Streiche spielten und Essen auf unbestimmte Zeit ausliehen. Wir waren auch hervorragende Heiler. Ich werde dir jetzt einen Tee machen. Den musst du vollständig trinken, Kind. Dann wirst du furchtbar müde werden und wenn Du morgen aufwachst, ist dein Hals wieder in Ordnung. Das verspreche ich Dir, sonst will ich nicht Meggie McDiarmid heißen.“
Noch bevor Kati etwas erwidern konnte, war sie auch schon in der Küche, kochte etwas Wasser auf und warf scheinbar wahllos Kräuter hinein. Sie schmeckte es kurz ab, würzte nochmal hier und da nach und war endlich mit dem Endprodukt zufrieden und stellte Kati eine dampfende Tasse hin.
„So trink das. Ich habe dir noch ein wenig Honig hineingemacht, damit es nicht so bitter schmeckt.“
Es schmeckte trotzdem bitter und Kati verzog das Gesicht.
„Ich weiß dass es nicht sonderlich schmeckt, aber es hilft“, beharrte Maggie.
Nachdem Kati leer getrunken hatte, wurde sie von der Familie verabschiedet: „Es war schön, dich hier bei uns zu haben, Kati. Versprich mir, dass du wiederkommst, wenn du mal wieder im Krankenhaus liegst, ja?“
Und Kati versprach es ihr gerne. Ein bischen wünschte sie sogar, dass sie länger im Krankenhaus bleiben könnte.
Am nächsten Morgen wachte Kati auf und blickte in das strahlende Gesicht ihrer Mutter. „Na, mein Schatz hast du schön geträumt?“
Kati strahlte: „Ja und mir geht es auch schon wieder gut. Ich hab gar kein Halsweh mehr.“
Als der Arzt hinzukam und Kati nochmals untersuchte, schüttelte er nur den Kopf: „Das versteh ich nicht. Gestern hattest du noch eine akute Mandelentzündung und jetzt völlig gesund. Ob das mit rechten Dingen zugeht?“
Kati lachte: „Das war Koboldmedizin, Herr Doktor.“
Kati war fast traurig als sie noch am selben Tag entlassen wurde, nahm sich aber fest vor, sobald sie wieder Halsschmerzen hatte sofort in das Krankenhaus zurückzukehren.

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