Die Deckenhäklerin

Zaghaft klopft sie an die Tür, lächelt vorsichtig, weil sie glaubt, durch den Türspion beobachtet zu werden.
Wieder klopft sie an die Tür, hörte ein Scharren.
Sie schmunzelt, stellt sich auf die Zehenspitzen bis sie auf einer Augenhöhe mit dem Türspion ist und blickt hindurch.
„Ja, bitte?“
Die Tür wird einen Spalt aufgemacht, von einer Kette festgehalten.
Vor der Tür steht eine junge Frau. Lange, wallende Gewänder in schillernden Farben umschmeicheln ihre zarte Gestalt. Ihr schwarzes Haar ist kurz und verstrubbelt, nur zwei oder drei längere, rote Strähnen hängen ihr bis zu den Schultern hinab.
„Guten Tag!“
Ihre Stimme ist weich und voll und ständig umspielt ein lächelnder Zug ihre Mundwinkeln.
„Was wollen Sie?“
Der junge Mann, dessen Augen so farblos durch den Türschlitz auf die vor ihm stehende Frau blicken ist sichtlich verwirrt. Er mustert sie von oben bis unten.
„Mein Name ist Nehalennia!“
„Komischer Name!“, antwortet der Mann ruppig.
Sie nickt: “Ja, ich weiß. Mein Vater war Seemann und Nehalennia ist die germanische Göttin der See.“
Der Mann grunzte. Was ging ihn das an? Aber ihm fehlte die rechte Antwort. Seltsam, dabei konnte er doch sonst immer schnell mit ein paar hitzigen Worten solche Türklinkenputzer und das war sie zweifelsohne, vertreiben. Aber dieses sanfte Lächeln ließ in ihm jede boshafte Antwort im Keim ersticken.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, seine Stimme hörte sich irgendwie anders an – so fremd.
Sie strahlte: „Ja, unbedingt. Hätten Sie ein wenig Wolle für mich?“
Der Mann runzelte die Stirn. Wolle?
„Ich glaube nicht...“
„Es wäre schön, wenn Sie danach suchen könnten. Ich bin mir sicher Sie finden etwas.“
Ihre Stimme hatte etwas melodisches, unglaublich Betäubendes.
Was bildete sie sich überhaupt ein? Warum zum Teufel sollte er nach Wolle suchen und wo überhaupt?
Doch die Worte brachte er nicht über die Lippen: „Warten Sie bitte einen Moment!“
Er schloss die Tür und atmete tief durch. Diese Augen und das undurchsichtige Lächeln schienen ihn auch durch die Tür hindurch zu verfolgen. Langsam ging er in das Zimmer, das er seit mehreren Monaten nicht mehr betreten hatte. Abgestandene Luft schlug ihm entgegen, aber er wich nicht zurück. Vertrocknete Blumen standen auf der Fensterbank und das Bett war noch immer aufgeschlagen so als würde es auf den Menschen warten, der so lange Zeit darin hingesiecht war. Der Abdruck ihres Kopfes zeichnete sich noch immer auf dem Kissen ab.
Das leise Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken und mahnte ihn an das, was er eigentlich tun sollte.
Er kniete sich auf den Boden und blickte unter das Bett. Dort stand sie. Eine kleine Kiste, in der seine Mutter die Nähsachen untergebracht hatte und auch eine weitere große Kiste stand direkt daneben aus der bereits einzelne Wollfäden hervorquollen.
Hatte sie es gewusst?, durchfuhr es ihn. Hatte sie vielleicht gewusst, dass seine Mutter so viele Wollreste hatte? Nein, wie könnte sie, schob er diesen Gedanken beiseite, aber das Gefühl ließ ihn trotzdem nicht los.
„Ich habe etwas gefunden – hier.“ Klang da so etwas wie Stolz in seiner Stimme?
„Vielen Dank“, sagte sie lächelnd und nahm die Kiste in Empfang.

2 Monate waren seit dem Besuch von Nehalennia vergangen und es gab keinen Tag an dem er nicht an sie gedacht hatte. Ja, auch seine anderen Gedanken waren noch da. Immer wieder die gleichen. Was das Leben überhaupt noch bringen würde? Das er dem ein Ende setzen müsse? Hatte er nicht sein Recht auf dieses Leben verwirkt als er seiner sterbenskranken Mutter das Gift injiziert hatte?

Schlaganfall war die Diagnose der Ärzte gewesen als er seine Mutter in das Krankenhaus brachte, nachdem sie im Badezimmer zusammengebrochen war. Zwei Wochen später hatte man ihm die Hülle seiner Mutter wieder mit nach Hause gegeben. Er hatte sie gefüttert, an ihrem Bett gesessen – versucht mit ihr zu kommunizieren. Vergebens. Drei Jahre lang. Es war die Hölle, sie so zu sehen. Dann fasste er den Entschluss – er würde sie befreien. Endgültig. Das Planen war ihm so leicht gefallen, viel leichter als das was danach auf ihn wartete. Die Zweifel – sie hatten an ihm genagt, ihn aufgefressen und nun war er es der in dieser Wohnung vor sich hinvegetierte.

Es klingelte.
Doch er hatte keine Lust die Tür zu öffnen.
Wieder klingelte es – dieses mal eindringlicher.
Er seufzte, erhob sich jedoch nicht von seinem Stuhl.
Dann klopfte es zaghaft.
Nehalennia, durchfuhr es ihn.
Keuchend öffnete er die Tür.
Er hatte vergessen durch den Spion zusehen, zuckte es wie ein Blitz durch sein Innerstes.
Aber draußen stand niemand. Enttäuschung machte sich in ihm breit. Dann blickte er auf den Boden. Dort lag in einer weißen Schleife eine bunte Wolldecke. Sie war aus mehreren Vierecken gehäkelt worden, die dann mit schwarzer Wolle zusammengenäht waren.
Langsam hob er sie auf. Zwischen der Schleife steckte ein Zettel. Er zog ihn hervor und öffnete ihn.
In zarter, filigraner Handschrift stand dort geschrieben:

Lieber Bernd,
nimm diese Decke bitte als Dein Glück an.

Vor vielen Jahren habe ich mit Gott einen Pakt geschlossen.

Es war zu einer Zeit als ich sehr unzufrieden mit Gott war und ständig mit ihm haderte. Damals arbeitete ich in einem Krankenhaus. Auf dem Weg zu meiner Arbeit kam ich an einem Obdachlosen vorbei, der Tag ein und Tag aus auf derselben Bank sein Lager hatte. Eines Morgens kam ich wieder an ihm vorbei, doch dieses Mal stand der Leichenwagen auch dabei.

Ich fragte Gott: „Wie kann das passieren, hier in einem Krankenhaus. Wie können Menschen einfach so vorübergehen, wenn unter ihnen einer ist der erfriert? Wie kannst du so etwas zu lassen?“

Aber selbst ich war ohne ein Wort und mit tiefer Abscheu jeden Morgen in einem weiten Bogen um ihn gegangen. Wie konnte ich da erwarten, dass Gott für diese arme Seele mehr Zeit erübrigen kann als ich?

So schloss ich also einen Pakt mit Gott:
Die Decken, die ich den weniger Glücklichen unter uns häkele, sollen sie beschützen. So lange ich aber diese Decke häkele muss Gott sich um sie kümmern und danach wird diese Decke die Arbeit für Gott übernehmen und über den Menschen wachen, der sie besitzt.

Gott hat mein Versprechen angenommen.

Nimm bitte diese Decke an und finde dein Glück wieder.

Nehalennia


Bernd weinte und dennoch verspürte er in diesem Moment kein größeres Glück.

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