Der Bücherwurm

 

Leise Schmatzgeräusche reißen mich aus einem leichten Schlaf. Noch immer lag das kleine Buch, dass ich gerade las, vor mir auf dem Tisch. Ein paar der Seiten sind eingeknickt. Ich muss direkt darauf gelegen haben. Mein schmerzender Rücken zeugt von der unbequemen Haltung in der ich eingeschlafen war. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass dies bereits 2 Stunden her sein muss. 

Wieder dieses Knabbern. Dieses Mal ganz deutlich. Von einem meiner vielen Billy-Regalen, die vor Bücher nur so überquellen. Irgendwann werde ich wohl auf den Flohmarkt gehen müssen, um wenigstens ein paar von ihnen zu verkaufen und Platz für Neue zu schaffen. Ja, irgendwann... 

Langsam gehe ich auf dieses Geräusch zu. 
Mjam, Schleck, mjam!, höre ich es vernehmlich kauen. Dann dringen Wortfetzen an mein Ohr. Lang vergessene aber doch tief in meinem Unterbewusstsein eingeprägte Wortfetzen. 

»Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich suche Freunde.“ 
Lung setzt alle seine Hoffnungen auf den "Saum des Himmels", denn dort soll die ursprüngliche Heimat der Drachen liegen. 
Staubfinger strich sich das tropfnasse Haar aus der Stirn. 
Frodo bekam es mit der Angst. Der Ring lag schwer um seinen Hals. 

Solche und ähnliche Wortfetzen drangen an mein Ohr. Ich suchte die Bücherrücken ab und fand schließlich eines der Bücher – Tintenherz. Mein Herz begann zu klopfen als ich es aufschlug. Ganze Buchstaben waren verschwunden. Sätze voller Phantasie – einfach weg. 
Genauso war es dem Kleinen Prinzen ergangen nur hier und da stand noch ein und, oder, manchmal sogar ein Komma auf den sonst gefüllten Seiten. Fast so, als hätte jemand das Gemüse von seinem Teller aussortiert. Die drei Bände des Herrn der Ringe waren fast leer. Tränen stiegen mir in die Augen. Wie viele Stunde hatte ich mit diesen geliebten Freunden verbracht? Nun würde ich niemals mehr mit ihnen in ihre Welt gehen können und an ihren Abenteuern teilhaben. Welch ein Schmerz! 

Meine Schläfen pulsierten. Wer hatte das nur getan? Wer hatte all diese Worte einfach ausradiert? 

Bäh, pfui kam es aus einer Ecke in der ich meine Horrorgeschichten aufbewahrte. Mit wenigen Sätzen war ich zur Stelle, schob ein um das andere Buch aus dem Regal und durchwühlte es. Im Gegensatz zu den anderen Büchern waren die Buchstaben größtenteils noch vorhanden. Nur an wenigen Stellen fehlte ein Wort. 
Plötzlich spürte ich etwas auf der nächsten Seite. Ein leichtes Rumoren, streichen. Ich schlug gespannt die Seite auf und blickte fassungslos auf einen kleinen, bräunlichen Wurm, der gerade das Gesicht verzog als er die Worte „mein Pulsschlag erhöhte sich kaum. Auch dann nicht als ich seine Zunge verschluckte!“ aß. Ja, er schleckte die Worte von der Seite, kaute ein wenig darauf herum und verschluckte sie schließlich. 

Der Wurm hatte mich nun seinerseits auch wahrgenommen und blickte mich beinahe entschuldigend an. 

„Was bist du?“ 
„Ich bin ein Bücherwurm“, antwortete der kleine Kerl beinahe schuldbewusst. 
„Oh, ich auch...!“, sagte ich. 
Verwundert blickte mich das Würmchen von oben bis unten an: „Du siehst aber gar nicht aus wie ein Bücherwurm.“ 
„Naja, viele nennen mich zumindest so, weil ich so gerne Bücher lese.“ 
„Hm, ich kann nicht lesen, aber schmecken.“ 
„Stiehlst du deshalb die Buchstaben aus meinen Büchern.“ 
Der kleine Kerl blickte schuldbewusst zu Boden. 
„Das ist die einzigste Möglichkeit, wie ich die Geschichten erfahren kann. Über ihren vorzüglichen Geschmack. Füllwörter mag ich aber gar nicht und auch diese kleinen Kommas schmecken nicht gerade delikat. Und die neue Rechtschreibreform hat den Geschmack der Geschichten viel fader werden lassen.“ 

Er zuckte bedauernd mit den Schultern. 
„Ach die alten Geschichten, dass waren noch Schmause, die hab ich regelrecht verschlungen, mit ihrer bildreichen Sprache, den bedeutungsvollen Worten und ihrer Poesie. Dagegen sind die Bücher heute nichts als ein kleiner Zwischensnack, genussvoll auf der Zunge aber kaum genug um einen den Magen zu füllen.“ 
Ich dachte kurz über die Worte nach und musste dem Bücherwurm Recht geben. Früher hatten mich die Geschichten auch mehr gefesselt und wenn ich ein Buch fertig gelesen hatte, habe ich noch lange ihm hinterhergesonnen. Heute kann ich es kaum erwarten das nächste anzufangen und das vorangegangene ist schnell vergessen. 

„Tja, da kann man nichts machen. Die alten Meister des geschriebenen Wortes werden wohl so schnell nicht wiederkommen.“ 
„Oh, ich habe vorhin etwas geradezu vorzügliches in meinen Gaumen bekommen. Leicht und locker flossen die Worte durch meinen Hals und noch immer kann ich ihren Klang in meinem Magen fühlen. Es war achtlos nebenhin geworfen. Dort auf diesem Knäuel lag es.“ 
Ich drehte meinen Kopf in die Richung die er wies. Aber das waren doch meine angefangenen Romane, die ich alle ein ums andere Mal angefangen dann aber verworfen hatte. 
„Aber das habe ich doch geschrieben?“ 
„Wirklich? Wie ausgesprochen glücklich musst du sein, dass du solch ein Talent dein Eigen nennen kannst.“ 
„Ich – Talent?“, ich hatte es noch nie so gesehen. 
„Mit deinen Werken könntest du eine ganze Bücherwurmkolonie ernähren?“, versprach der Wurm. 

Plötzlich kam mir ein grandioser Einfall: „Wurm, was hältst du davon wenn wir uns zusammen tun? Du kannst nicht schreiben, aber ich kann es! Du hast so viel Literatur und Werke in dir verinnerlicht, dass ich dein Wissen einfach brauche. Lass uns zusammen einen gewaltigen Roman verfassen. Einen der die Menschen und Bücherwürmer noch nachhaltig beeinflussen wird.“ 
Der kleine Wurm legte die Stirn in Falten und grübelte, dann aber strahlte er über das ganze Gesicht und sagte: „Abgemacht. 

Noch heute ist der kleine Wurm mein ständiger Begleiter ist, wenn ich meinen Federkiel auspacke und auf mein Pergament schreibe. Denn dies war eine Lektionen die ich lernen musste: Ein Federkiel auf Pergament ist das einzig geeignete Werkzeug um Gefühle für sein Werk zu entwickeln! 

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