Die Vergessenen

Was ist hier los? Wo bin ich hier?
Ängstlich glitten seine Augen über die trostlose Landschaft. Eine Böe fegte den Staub auf.
Verdammt.
Die Augen brannten. Der Staub hatte sich festgesetzt und schmerzte. Wieder und wieder fuhr er mit der Hand darüber, wohlwissend, dass er es nicht besser machen würde.
Verschwommen nahm er Umrisse war.
Ein Tor.
Vorsichtig ging er auf das Tor zu. Wilde Dornen rankten über dem Eisengitter. Ausgetrocknete Blüten verteidigten ihren Platz gegen den Wind.
War das ein Weinen? Bestimmt nur der Wind.
Knarzend öffnete er das Tor und trat hindurch.
Ein Friedhof.
Raabenähnliche Vögel flogen auf, als er einen Fuß auf den toten Boden setzte. Der Wind riss ihn beinahe von den Füßen.
Wo ist das Tor?
Er drehte sich um, hinter ihm gähnende Leere. Das Tor war verschwunden.
Ich habe keine Wahl.
Langsam ging er um die Gräber herum. Die Namen waren verwittert und nicht mehr zu lesen.
Ich kann kaum atmen. Die Luft ist stickig.
Das Weinen ließ ihn herumfahren, ihm stockte der Atem.
Das kann nicht wahr sein. Das gibt es nicht.
Etwas zoppelte an seinem Arm.
„Komm mit, schnell!“
Ein kleines Mädchen blickte ihm auf. Sie wirkte seltsam fremd an diesem Platz. Ihre Augen waren schreckgeweitet und starrten abwechselnd ihn und die verkrüppelten Wesen an, die sich schnell näherten.
„Wir müssen weg. Wir haben keine Zeit. ES kommt!“
„Was sind das für Wesen.“
„Die Vergessenen - ES kommt.“
Sie versuchte ihn wegzuziehen, runter von dem Friedhof. Erst jetzt bemerkte er, dass noch mehr dieser Wesen aufgetaucht waren.
Sie sind allein, haben Angst und sind wütend.
Ruckartig bewegten sie sich vorwärtz, als hätten sie Schmerzen unter denen sie sich wanden.
Ein lautes Grollen ließ den Boden unter ihren Füßen erzittern. Risse zogen sich unter seinen Füßen entlang.
„Schnell, bitte!“
Er rannte. Die Wesen liefen nicht länger auf sie zu – sie warteten. Lächelnd. Wie Grimassen.
Fassungslos starrte er zurück. Die Welt löste sich hinter ihm auf. Immer weiter explodierten die einzelnen Fragmente, wurden in kleine Stücke gehauen und in einen riesigen Strudel in die Dunkelheit gezogen. Unaufhörlich kam er näher.
Schreie.
Er hielt sich die Ohren zu. Grauen erfasste ihn.
Hat mein Herz aufgehört zu schlagen?
„Weiter, weiter!“
Das kleine Mädchen in ihrem roten Anorak schrie gegen den Lärm an. Es hielt seine Hand umklammert und zog ihn fort.
Stille.
„Was war das?“
Seine Atem kam keuchend. Er war es nicht gewohnt zu rennen.
„Es hat keinen Namen!“
„Was macht es?“
„Es löscht sie?“
„Was löscht es?“
„Sie sind die Weggeworfenen und nicht Erwünschten.“
„Was mache ich hier?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Was machst du hier?“
„Ich bringe dich zurück.“
„Wohin zurück?“
Keine Antwort.
„Möchte ich denn zurück?“
Sie lachte ein glockenhelles Lachen und nickte.
Endlose Stunden liefen wir durch die Wüste.
„Schließ die Augen!“
Er tat es. Ein Luftzug.
„Öffne die Augen!“
Vor ihnen lag ein riesiger Schrottplatz.
„Da vorne ist der Ausgang. Weiter kann ich nicht mit dir kommen.“
„Warum kommst du nicht mit?“
„Ich will, aber ich kann nicht.“
„Warum nicht?“
„Ich existiere nicht in deiner Welt. Man hat mich schon vor meinem Entstehen entsorgt. Sie wollte mich nicht.“
Er verstand. Blickte sich nicht um, als er den Schrottplatz betrat und ließ das Mädchen mit der roten Jacke zurück.
Plötzlich wurde es dunkel.
Ist da ein Licht?
Vorsichtig ging er darauf zu, wurde gezwungen, dorthin zu gehen. Das Licht blendete gleißend hell. Hände fassten ihn grob und zogen an ihm.
Es war kalt.
„Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Junge!“

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