Der Sarg

Ich hatte schon von Menschen gelesen, die lebendig beerdigt worden waren. Es waren grauenvolle Geschichten. Kratzer an den Innenseite des Sarges. Verzerrte Gesichter in der Stunde ihres grauenvollen Todes für die Ewigkeit festgehalten.
Ja, ich kannte diese Geschichten. Schließlich war ich über 40 Jahre lang Bestatter. Solche und ähnliche Geschichten erzählte ich auf Parties. Ich lachte über sie. Niemand teilte meinen Humor.
Das es mir einmal ähnlich gehen würde – wer hätte das gedacht? Gefangen in einem Sarg. Wahrscheinlich sogar einer von meinen – reinste Handarbeit.
Im ersten Moment als ich aufwachte und die Dunkelheit wahrnahm, glaubte ich dass sich meine Augen noch nicht geöffnet hatten. Ich versuchte zu sprechen, aber nur ein leises Krächzen kam über meine Lippen. Dumpf hing es in dem Sarg. Dann nahm ich den blauen Satinstoff wahr, die weiche Seide an meinen Fingern.
Ich war in einem Sarg. Ruhe bewahren. Vielleicht war ich ja tot. Ein natürlicher Umgang mit dem Tot – Professionaltät mit dem Sterben, das war mein Beruf, auch jetzt.
Als Bestatter machte man über das Sterben immer mal wieder seine Gedanken. Vielleicht war der Tot genau das – die Ewigkeit in einem Sarg. Mein Blick glitt an meinem Körper herunter. Ich trug einen teuren, schwarzen Maßanzug – 6000 Euro hatte ich dafür hingeblättert und ihn nur 2 mal getragen. So eine Verschwendung.
Ich versuchte meinen Fuß zu bewegen. Ein feuriger Schmerz durchzog meinen ganzen Körper. Luft zischte aus meinem Körper.
Die Erinnerung durchflutete meinen Verstand.
Ich auf einem Motorrad. Der Wind der mir durchs Haar weht. Das Gefühl der Freiheit. Die Erregung als ich auf den völlig überhöhten Tacho blickte. Das Erstaunen als ich die Lichter des Lasters sah. Die Dunkelheit. Dann Unmengen von Lichtern. Menschen die mich umringten. Meine Frau die weinte und schrie. Ich verstand nicht was sie sagte. Meine kleine Ellen, die an ihrem Rockzipfel hing. Ein OP-Saal und Schmerzen – wahnsinnig machende Schmerzen.
Etwas ruckelte an meinem Sarg. Die Beerdigung. Ich konnte die Musik hören und die dumpfe Stimme des Pfarrers. Ich hatte – wie lange war das her? – mit ihm über die Bestattung einer älteren Dame gestritten. Die katholische Kirche war so verbohrt. Ob er sich jetzt daran erinnerte, wenn er all meine guten Eigenschaften aufzählte?
Ich spürte, wie ich hinabgelassen wurde.
Ich muss etwas tun – jetzt. Mein Körper versagte völlig. Die Knochen waren noch nicht zusammengewachsen, die Wunden billig vernäht. Warum die Mühe für einen Toten?
Schreien – ich musste schreien.
Mein Hals war so trocken.
Es schmerzte als der Sarg auf die Erde traf. Leiser Singsang von oben. Dann in regelmäßigen Abständen Poltern. Die Erde.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Ich spürte die Feuchtigkeit in meinen Kleidern und in meiner Lunge, spürte wie der Sarg jeden Tag ein Stückchen mehr in das Erdreich rutschte. An guten Tagen glaubte ich Stimmen zu hören. Die weiche, liebevolle Stimme meiner Frau. Dann gab es schlechte Tage, an denen ich vor Schmerzen verrückt wurde. Den einzigsten Körperteil, den ich bewegen konnte war mein Kopf. Wieder und wieder stieß ich ihn gegen den Deckel. Ich wollte nur ein Geräusch hören. Blut rann mir aus der Nase und der Stirn. Es klebte in den Haaren. Regenwürmer fanden den Weg zu mir und ich konnte keinen hinaus finden.
Wie oft hatte ich Klientinnen versichert, dass genau dies nicht passieren würde. Ungeziefer in einem Sarg? Ach wo denken sie hin. Da passiert gar nichts.
Dann wurde die Luft dünner und schließlich starb ich.

Kommentare

Es sind noch keine Einträge vorhanden.
Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder