Der Kreißlauf

Lustig ist ein Mann der eigentlich gar nichts lustig findet. Schon am allerwenigsten nicht lustige Kommentare über seinen Namen. Herr Lustig ist beim Statistischen Bundesamt beschäftigt. Sein Büro zwei Schritte an der kurzen Seite und 5 in der Länge ist im Keller des Gebäudes. Der Verantwortliche für Arbeitsschutz hatte mit einem Blick auf das kleine Kellerfenster das Büro als tauglich befunden und so ist Herr Lustig hier vor knapp 10 Jahren eingezogen. Herr Lustig kommt jeden Morgen pünktlich ins Büro. Die Stechuhr zeigt stets 7:58 Uhr. Noch niemals hat es eine Abweichung gegeben. Pünktlich um 12 Uhr holt Herr Lustig sein Brot aus einer alufarbenen Brotbox hervor. Brot mit Schweinemett, wie jeden Tag.
Die Stechuhr zeigt immer 17 Uhr, wenn Herr Lustig das Büro verlässt. Frau Schnuur aus der Personalabteilung kann die Uhr nach ihm stellen. Wenn Herr Lustig an ihrem Büro vorbeigeht, weiß auch sie, dass es Zeit ist die Tasche zu packen.
Herr Lustig fährt kein Auto, er nimmt lieber den Bus. Er muss nur in die 5 einsteigen. Die fährt ihn fast bis zu seiner Tür.
Sein kleines, windschiefes Haus hat er geerbt. Vor einem halben Jahr ist seine Mutter an einem Herzinfarkt gestorben. Durch die Wohnungstür kommt man kaum hinein. Herr Lustig ist nicht besonders ordentlich. Weggeschmissen hat er noch niemals etwas. Er sammelt gerne. Zeitschriften, Dosen und Plastik in allen Varianten. Das Haus ist genauso dunkel, wie sein kleines Büro, so hoch sind seine Türme an Gesammeltem gestapelt.
Herr Lustig geht in die Küche und packt seine Brotbox aus. Sorgfältig spült er sie aus. Dann geht Herr Lustig an den Briefkasten. Die Werbung sortiert er auf einen Stapel direkt neben der Tür. Dazu muss er auf eine kleine Leiter steigen. Die Briefe legt er ungeöffnet auf einen anderen Stapel.
Dann geht er ins Schlafzimmer. Dort liegt schon sein Anzug bereit. Der kleine Koffer mit seinen Utensilien steht direkt daneben. Sorgfältig zieht er den Anzug an und streicht jede kleine Falte weg. Dann zieht er sich die Handschuhe an, die in einer Seitentasche des Koffers stecken, blickt noch einmal in den Spiegel. Erst als er mit seinem Aussehen zufrieden ist, öffnet er die Kellertür und steigt die dunklen Stufen hinab.
Herr Lustig hört ihn bereits wimmern, aber es kümmert ihn nicht. Professionalität ist wichtig für ihn. Er sieht, wie sich das Laken unter dem er auf einem blanken Stahltisch liegt hebt und senkt. Mit jedem Geräusch, dass Herr Lustig macht, wird die Atmung heftiger, das Heben und Senken schneller. Herr Lustig läuft um den Tisch herum und beobachtet ihn. Er knipst das Licht an und ordnet, was er nun braucht auf einem Tisch, den er rollen kann.
Er hebt die Decke ab, ein ängstliches, weit aufgerissenes Augenpaar blickt ihn an. Nur ein Röcheln entrinnt sich seiner Kehle, den Mund hat er mit Klebeband verschlossen. Herr Lustig beginnt sein Werk.
Als er die Stufen des Kellers wieder nach oben kommt sind seine Hände noch immer blutverschmiert, seine Pupillen geweitet, sein Herzschlag bebt. Mit Präzision wäscht er seine Finger.
Er setzt sich an seinen Küchentisch, umgeben von seinem Sammelsurium. Von der Tageszeitung lächelt ihm das Gesicht eines jungen Mannes entgegen: Volker M. 21 Jahre alt wird seit letzter Woche vermisst….
Herr Lustig nimmt sich seine Brotbox, das Brot und das Schweinemett und beginnt sich ein Brot zu schmieren für den nächsten Tag.

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