Der erste Schnee

Es hatte heute den ganzen Tag nach Schnee gerochen! Wartend saß sie vor dem Fenster, schaute hinaus in den immer dunkler werdenden Tag und noch immer nichts zu sehen vom Schnee. Aber sie hatte sich noch nie getäuscht.

Gestürmt hatte es und die letzten, verwelkten Blätter von den Bäumen geweht, als sie ihrem Büro gesessen hatte, unfähig sich zu konzentrieren. Wieder und wieder hatte sie auf ihre Aufgabenliste gestarrt und sich wieder und wieder gefragt: Wozu das alles?

Halbherzig hatte sie damit begonnen eine Excel-Tabelle zu entwickeln: Auswertung von eingegangenen Beschwerden: Quartal III.

„Ich hoffe, Sie haben alle die Schneeschuhe eingepackt, liebe Zuhörer, denn heute wird es kräftig schneien!“, prophezeite der RAdiomoderator fröhlich.

Ich weiß, dachte sie nur und hatte aus dem Fenster geblickt. Sie spürte es immer sehr früh – diese Kälte, das Grauen und die Leere ins sich.

Auf dem Nachhauseweg hatte sie Kinder gesehen, die sich freuten, dass es bald Schnee geben würde.

Ob sie sich auch so gefreut hätte?, fragte sie sich. Ob sie lachend nach draußen gelaufen wäre, in eine warme Jacke gehüllt, das Gesichtchen unter einer dicken Wollmütze verborgen und die Hände tief in Handschuhen vergraben? Wäre sie mit anderen Kindern Schlitten gefahren und hätte ihr lachend zugewunken? Sie war sich sicher sie hätte es.

Aber das hat nicht sollen sein.

Nun wartete sie auf das Unvermeindliche – wie jedes Jahr, seit so langer Zeit.

Und wie jedes Jahr suchten sie diese Bilder heim: Ihr Mann mit der Waffe in der Hand, die noch qualmte von dem Schuss den er abgegeben hatte. Den Schmerz, der nicht von ihr selbst zu kommen schien, sondern von dem Kind, dass sie in ihrem Bauch trug. Das Blut, dass durch ihre Finger rann und die Fassungslosigkeit mit der sie es anstarrte als sei nicht sie diejenige die blutete. Der Bruch ihres Herzens als der Arzt ihr sagte, dass das Kind nicht gerettet werden konnte.

Ihr Mann wurde zu drei Jahren verurteilt.

War das genug?, hatte sie sich schon so oft gefragt. Sie hatte ihn betrogen – das Kind war nicht das Seine. Die Familie hatte ihn zu diesem Schritt gedrängt. Wiederherstellung der Familienehre, nannten sie es. Warum war sie nicht mit ihrem Kind gestorben?

Die Dunkelheit brach herein, aber sie konnte sie trotzdem sehen. Die dicken Schneeflocken, die sich ihren Weg auf die Erde bahnten – dicke, rote Schneeflocken.

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