Der 30te

Frühmorgens steht sie auf. Sie hatte schlecht geschlafen. Ein Blick in den Spiegel verriet ihr, dass man ihr das auch ansah. Die Late-night-show hatte sie gesehen, den Ausführungen eines Schauspielers war sie gefolgt, der von seinem neuen, atemberaumbenden und sehenswerten Film erzählt hatte. Dann war es 24 Uhr und sie hatte einen Piccolo geköpft und direkt aus der Flasche getrunken. Sie war zu faul gewesen ein einziges Sektglas zu holen. Die halbleere Flasche stand noch immer auf ihrem Nachttisch.
Sie nahm die Flasche in die Hand und blickte wieder in den Spiegel, prostete sich zu und nahm einen tiefen Schluck. Der Anrufbeantworter blinkte wie verrückt. Das Telefon hatte sie in der Nacht abgestellt.
Als sie den Abspielknopf betätigte kam ein merkwürdig verzerrter Singsang aus den winzigen Boxen.
Happy Birthday to you, happy Birthday to you, happy Birthday liebe Britta, haaaaaapy Birthday to you.
Alles Liebe zum Geburtstag, Britta. Samira sag auch mal Alles Gute zu deiner Tante.

Eine kindliche Stimme flötete: Happy Birthday, Tante Britta.
Sie drückte auf Weiter.
Hey Süße. Mensch Schade, dass du nicht hier sein kannst. Die Party ist saustark. Torben und ich amüsieren uns bestens und...
WEITER
Herzlichen Glückwunsch, mein Töchterchen. Ich wünsche Dir alles Gute und das du endlich den Mann deines Lebens findest, schließlich wünschen wir uns nicht nur von deinem Bruder Enkelchen...
STOPP
Das reichte fürs Erste. Genug ist genug. Nicht nur das ihre beste Freundin mit dem Mann, den sie lange für die Erfüllung ihrer Träume gesehen hatte nun mit ihrer besten Freundin zusammen war und seit mehr als 1 Jahr ach so superglücklich miteinander waren. Seit einem Jahr fingen nun auch ihre Eltern an zu drängeln – Mann, Heiraten, Kinder. Das war ihr Plan für sie, allerdings gaben sie einem keine Anleitung wie man das gefälligst machen sollte.
30 Jahre – ein viertel ihres Lebens vorbei ohne dass sie einen Platz gefunden hatte für sich.
Rückblickend gesehen hatte sie bis auf eine Hand voll Ereignisse ein total geiles Leben. Viele Freunde, Parties, wechselnde Partner. Aber es gibt da eben so Kleinigkeiten, die sie sich vorgestellt hatte, wo sie mit 30 im Leben stehen wollte. Die Sachen, die wirklich wichtig waren sind eben jetzt nicht! Der vermeintliche Traummann hatte sich als Frosch entpuppt, die geistig schon geplante Traumhochzeit hatte sich in Luft aufgelöst und sie musste weiterhin diese fiesen Single-Fertiggerichte kaufen. Mama wollte sie längst sein, wenn sie 30 war aber auch das war in weiter Ferne, schließlich möchte man seinem Kind nicht irgendwann erklären: „Dein Vater war Mittel zum Zweck, ein Samensepender, sozusagen die Wäschekammer des Boris Becker!“
Heiß liefen die Tropfen der Dusche über ihren Rücken, so als könnten sie auch die Last in ihrem Rücken einfach wegspülen. In einer Stunde holte sie ihre Freundin ab – mit Torben. Zum Brunchen wollten sie dann gehen – das Paar und der 30-jährige Single.
Als sie aus der Dusche stieg dampfte ihr Körper. Schnell rubbelte sie sich trocken und zog sich das geblümte Kleid über den Kopf. Das hatte Torben immer an ihr gefallen. Sie erinnerte sich, dass sie es zusammen gekauft hatten. Wow, hatte er gesagt, als sie aus der Umkleide gekommen waren. Und es stand ihr wirklich toll, betonte ihre schmale Taille und die wohlgeformten Brüste. Eigentlich sah sie gut aus, musste sie mit einem Blick in den Spiegel zugeben. Was stimmte also mit ihr nicht?
Bewusst cremte ihr sie Gesicht ein, nahm jede kleine Falte war – Lachfalte oder Sorgenfalte? Lachfalten waren sympatisch, Sorgenfalten machten alt.
Sie saß auf ihrem Bett und wartete, der Fernseher lief – wie immer, ansonsten war es zu still in der Wohnung. In zehn Minuten würden sie da sein – um zu brunchen. Brunchen – sie hasste brunchen. Was war eigentlich aus dem guten alten Frühstück geworden? Wann war es verlorengegangen – fast unbemerkt. Als sie 20 wurde, oder 25. Sie wusste es nicht.
Irgendwann würde auch sie verloren gehen – genauso wie das Frühstück und niemand würde es interessieren.
2 Minuten später stand sie in ihrem Hauseingang – einen kleinen Koffer in der Hand und wartete auf das Taxi, dass sie bestellt hatte. Es kam im selben Moment wie Sabine und Torben.
„Ihr müsst alleine brunchen gehen. Ich gehe für ein halbes Jahr nach Australien. Bis denn!“
Sie stieg in das Taxi und genoss noch einmal die verdutzten Gesichter – dann fuhr sie davon und noch niemals hatte sie sich jünger gefühlt.

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