Das Weihnachtsgeschenk

Ich starrte auf meine Hand und wieder in das strahlende Gesicht meines Großvaters.
Er konnte das nicht ernst meinen. Das sollte alles sein?
Geizkragen, schoss es mir durch den Kopf.
Von der Orange in meiner Hand stieg ein köstlicher, süßlicher Duft in meine Nase.
Mein Großvater saß in seinem Rollstuhl, die Wangen eingefallen, das Haar wirr vom Kopf abstehend. Im Großen und Ganzen machte er einen desolaten Zustand.
Warum bezahlte meine Familie all das viele Geld für diese teure Seniorenresidenz im Herzen der Stadt, die Top Adresse, wenn es galt seine Großeltern loszuwerden, wenn sie es noch nicht einmal schafften an Weihnachten einen halbwegs gepflegten Mann aus meinem Großvater zu machen?

Wann hatte ich ihn eigentlich dass letzte Mal besucht?, dachte ich, wischte den Gedanken aber schnell beklommen beiseite.

Mein Großvater war immer ein „Schaffertyp“ gewesen, wie er sich selbst bezeichnete. Heute würde man ihn schlichtweg ein Allroundtalent nennen. Zunächst hatte er den kleinen Bauernhof seines Vaters übernommen und konnte 3 Schweine und eine Kuh sowie zwei Felder sein eigen nennen. Doch als der Krieg kam war dieses Leben vorbei. Mein Großvater musste in den Krieg ziehen und als er nach mehreren Jahren russischer Gefangenschaft mehr Tod als lebendig zurückkehrte lagen seine Felder brach, die Schweine und die Kuh hatte man den Soldaten übergeben müssen.
Er suchte sich eine Anstellung als Metzger und Baumfäller später dann als Küfer bis er genügend Geld hatte sich wieder einen kleinen Hof zu kaufen. Mit den Jahren vergrößerte er seinen Besitz ständig und schaffte es zu einem nicht ganz unbeträchtlichen Vermögen.

Heute ist von dem einstigen Mann nicht mehr viel übrig. Die Demenz hat das ihrige getan um den Geist meines Großvaters zu verwirren. So irrt er durch die Seniorenresidenz immer auf der Suche nach seiner Hündin Uschi, die bereits vor 20 Jahren unter ein Auto gekommen war umher.

Trotzdem konnte ich dieses Geschenk einfach nicht fassen. Schließlich hatte er doch auch früher großzügige Geschenke gemacht und jetzt drückte er mir einfach eine Orange in die Hand – nur eine einfache Orange. Dabei grinste er noch als wäre es das schönste Geschenk der Welt.

„Und was sagt man, wenn man ein Geschenk bekommt?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme.
Mein Großvater sah mich immer noch als das zu erziehende Kind an.
„Tja – ähm – Danke. Aber ich verstehe nicht, warum du mir eine Orange schenkst. Das ist ein bischen wenig für Weihnachten, oder?“
Mein Großvater blickte erstaunt: „Du freust dich nicht?“
Irgendwie machte mich das wütend. Warum war ich nur so weit gefahren? Natürlich wegen dem kleinen Umschlag, den Großvater jedes Jahr rüberwachsen ließ. Ich war angewiesen auf diesen kleinen Zuschuss.
„Naja, das Übliche wäre mir lieber.“
Großvater stiegen Tränen in die Augen.
„Ich dachte, du freust dich! Ich habe lange gebraucht, bis ich sie bekommen habe.“
„Wie bitte? Du musst doch nur in den Supermarkt gehen. Da gibt es Orangen in einem ganzen Netz zu kaufen.“
Ich wusste dass ich ungerecht war, aber schließlich hatte auch ich meine Ausgaben und HarzIV allein reicht eben nicht.
„Das kann nicht sein – ich bin bis nach Wiesbaden gelaufen, um sie zu holen. Du bist doch so krank. Die Vitamine brauchst du jetzt, Hubert!“
„Ich bin nicht Hubert. Wer ist überhaupt Hubert?“
Mein Großvater verstummte an diesem Tag und er sprach nie wieder ein Wort.

Erst an seiner Beerdigung kaum eine Woche später erfuhr ich von Hubert – dem erstgeborenen Sohn meines Großvaters. Er starb an einer Lungeninfektion in einem besonders kalten Winter. Großvater hatte versucht einen Arzt aufzutreiben. Dieser hatte ihn brüsk zurückgewiesen, als Großvater ihn bat mit ihm durch den Schneesturm zu seinem Hof zu gehen.
„Wenn du mir mitten im Winter eine Orange besorgst, Martin, dann komme ich mit zu Euch nach Hause!“

Hubert starb am nächsten Tag!

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