Das Ende

Immer wieder schlug er sich mit der flachen Hand ins Gesicht.
Hört auf! Hört doch endlich auf!, schrie er innerlich.
Aber die Stimmen hörten nicht auf. Immer wieder riefen sie ihre hasserfüllten Parolen, unterbrochen von beifälligem Klatschen, wenn Eier, Steine oder andere greifbare Gegenstände gegen sein Haus flogen.
Bereits vor einer Woche hatte es angefangen, als er nach Hause kam. Eine Menschenmasse hatte sich vor seinem Haus versammelt, ihn hasserfüllt angestarrt. Die staatliche Gewalt hatte sie davon abgehalten, die Wagentür zu öffnen, ihn herauszuzerren und es gleich auf der Stelle zu beenden.
Im Schutze einer Jacke, abgeschirmt von den lästigen Kameras und den wütenden Rufen der Nachbarn war er schnell ins Haus gebracht worden.

Ein dumpfer Schlag.
Wieder beifälliges Klatschen und Johlen.
Hört doch endlich auf! flehte er.
Aber er wusste, dass sie niemals aufhören würden. Wie sollten sie ihm das verzeihen? Er selbst konnte sich ja schließlich auch nicht verzeihen?
In seiner ersten Nacht in seinem Haus hatte er sich immer wieder fassungslos das Schreiben angesehen, dass ihn als Geheilt und als in die Gesellschaft wiedereingliederungsbereit deklarierte.
Als sich die ersten Menschmassen vor dem Haus versammelt hatten, unschlüssig was sie gegen ihn tun sollten und konnten, hatte er sich oft gefragt, ob das die Gesellschaft ist in die er wiedereingegliedert werden soll.

KLIRR
Er hielt die Hände schützend über seinen Kopf und spürte wie die Glassplitter auf ihn herabregneten.
Die Stimme wurden lauter und dröhnten in seinem Kopf.
Er rollte sich zur Seite, weg von dem Fenster. Ächzend stützte er seine Hände am Boden ab und registrierte, dass sich kleine, feine Splitter in seine Hand bohrten.
Er stand auf. Starrte auf das Fenster. Ihm wurde schwarz vor Augen. Setzte sich in den großen Sessel am Kamin.

Stille.
Die Menschen verstummten abrupt. Er wappnete sich innerlich vor dem letzten entscheidenden Schlag gegen ihn. Alles würde zu Ende sein – endlich zu Ende.
Kein Verlangen mehr, keine heimliche Sehnsucht, keine innere Zerissenheit, keine widerwärtige Erregung – endlich zu Ende.
Aber die Stille hielt an, keiner drang in das Haus ein, um ihn aus seinem Sessel zu zerren und ihm seinem endgültigen Richter zuzuführen.
Langsam stand er auf. Er öffnete die Tür und trat ins Freie.

Sein Herz erstarkte.
Dort stand sie – sein Verlangen, seine heimliche Sehnsucht, seine innere Zerissenheit und schon spürte er es wieder – diese widerwärtige Erregung.
Geheilt.
In die Gesellschaft wiedereingliederungsbereit.

Der Stein traf ihn unvermittelt und er spürte, das Blut an seiner Schläfe herabrinnen. Weitere Steine folgten und keiner verfehlte sein Ziel.
Bevor er seine Augen schloss, sah er sein kleines Mädchen befreit lächeln.

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