Das Alter

Das Wasser schmiegte sich an ihre Fesseln und stieß in kleinen Wellen wieder von ihr ab. Für einen Moment blieb sie einfach reglos stehen, fühlte die Sonne auf ihrer Haut, die leichte Briese des Windes der ihre Haare sanft auf dem Rücken kitzeln ließ.
„Worauf wartest du denn noch. Komm rein, das Wasser ist herrlich.“
Sie machte langsam die Augen auf, blickte den jungen Mann an, der sie einladend strahlend ansah.
Mit einem Satz tauchte ihr Körper kopfüber in das Wasser. Für einen kurzen Moment konnte der junge Mann nur die Silhouette ihres schlanken Gestalt wahrnehmen, die sich unter dem Wasser abzeichnete, bevor sie dicht vor seinem Gesicht wieder auftauchte – die Wangen feucht schimmernd.
Sie umschlang ihn mit ihren Arme und Beine, schmiegte sich ganz fest an seinen Körper und spürte seinen Herzschlag, zuerst wild pochend, dann ihrem ruhigen Herzschlag folgend bis sie sich in einem einzigen Herzschlag zu vereinen schienen.


„Na, Frau Lange. Wie geht es uns denn heute? Was haben sie denn heute schönes gemacht?“
Die alte Frau, die in ihrem Lehnsessel saß und aus dem Fenster auf das Wasser des Rheins geblickt hatte schreckte hoch und blickte die junge, robuste Frau an, die ihr Zimmer betreten hatte.
„Ich war schwimmen“, flüsterte sie.
„Schwimmen waren sie?“, fragte die Schwester nach.
Die graublauen Augen blickten verwirrt.
Die Schwester streichelte ihre Wange: „Aber Frau Lange, da sind wir doch ein bischen durcheinander heute, oder? Schwimmen waren sie bestimmt nicht. Sie waren doch die ganze Zeit hier und haben aus dem Fenster geguckt. Erinnern sie sich nicht.“
Sie wich der immer noch streichelnden Hand aus: „Ich war schwimmen! Ich gehe doch immer schwimmen vormittags.“
Die Schwester zuckte mit den Schultern: „Jaja. Nehmen sie erst einmal ihre Tablette. Dann wird es besser werden!“
Die alte Frau öffnete mechanisch den Mund und spürte die kleine ovale Tablette auf ihrer Zunge. Sofort breitete sich ein bitterer Geschmack auf und sie spülte ihn mit einem Wasserglas hinunter, das die Schwester ihr hin hielt.
Ohne die Schwester weiter zu beachten blickte sie mit immer trüber werdenden Augen auf den Rhein.

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