Szenen eines Büros

Die Tür geht auf, ein drahtiger, leicht zerzauster Mann kommt herein.
„Na, alles klar, Frau Meinhardt? War etwas?“
Die junge Frau sieht von ihrem Bildschim auf, klickt unbemerkt die Internetseite weg auf der sie gerade geschmöckert hat und lächelt: „Viel zu tun, viel zu tun, wie immer Herr Reichert. Wie ist der Termin verlaufen?“
„Oh, das übliche. Viel Gerde, wenige Ergebnisse. Könnten Sie mir vielleicht noch einen Kaffee machen?“
„Selbstverständlich“, lächelt sie und steht bereits auf, während er noch Vielen Dank sagt.
Auf dem Weg in die Küche trifft sie Frau Grimm aus der Buchhaltung.
Der Name ist Programm, denkt Frau Meinhardt, als sie in das düstere Gesicht der Kollegin blickt.
„Na, Frau Grimm. Wie geht es Ihnen?“, fragt Frau Meinhardt.
Frau Grimm atmet tief durch: „Ach, Frau Meinhardt es muss halt. Sie wissen ja, mein Rücken – der wird einfach nicht besser und mein Orthopäde weiß auch keinen Rat mehr. Wissen Sie was der mir letztens doch tatsächlich vorgeworfen hat?“
Dass du einen an der Erbse hast und nicht am Rücken, dachte Frau Meinhardt, schüttelte aber lächelnd den Kopf während sie den Kaffeefilter mit gut gehäuften Teelöffeln füllte.
„Ja glauben Sie es oder nicht, er meinte es läge an meiner Psyche. Ist das zu fassen?“
Treffer versenkt.
„Das ist doch nicht möglich!“
„Doch“, bekräftigt Frau Grimm.
„Ich hoffe, dem haben sie aber was erzählt?“ Frau Meinhardt, hört wie der Kaffee leise brodelnd durch die Maschine läuft.
Hoffentlich ist der bald fertig.
„Na, aber das können sie glauben. Ich bin schließlich Privatpatienten, da kann ich doch gewiss eine andere Behandlung erwarten.“
Der Kaffee ist fertig – Endlich.
„Es tut mir leid Frau Grimm,“ entschuldigt sich Frau Meinhardt und deutet entschuldigend auf den Kaffee. „Aber Sie wissen ja, wenn Chefs nicht stündlich ihre Dosis Koffein zu sich nehmen wird es zappenduster.“
Frau Grimm klopft ihr auf die Schulter und lacht.

„Ah, der Kaffee, wie schön. Vielen Dank. Das ging aber schnell.“
Tja, nicht schnell genug für mich.
„Wie immer, Herr Reichert“, flötet sie und will wieder aus dem Zimmer gehen.
„Ach, Frau Meinhardt. Noch etwas?“
Frau Meinhardt dreht sich wieder um: „Ja?“
„Ich bräuchte mal die Unterlagen zu dem Fall von diesem Herrn – ach, wie hieß er noch?“
Herr Reichert fährt sich unwirsch durch die Haare, so als könnte er dort jeden Moment die Antwort aus seinen spährlichen Strähnen fischen.
„Na, Sie wissen doch noch. Dieser Fall mit dem Mann, dessen Frau... – und dann der Brand?“
Ja, sie wusste noch - Herr Martin schlimmer Fall von Eifersuchtsdrama.
„Nein, ich weiß nicht, was Sie meinen?“
„Naja, mir wird es wieder einfallen.“
„In Ordnung Herr Reichert.“
Frau Meinhardt verlässt das Zimmer und widmet sich wieder ihren Internetrecherchen. Fast lustlos klickt sie zwischen dem Abnehmforum, dem Psychologieforum und der Singlebörse hin und her. Ab und zu checkt sie noch ihre privaten E-Mails.
Rrrriiiing.
Frau Meinhardt seufzt. Wieder eine störende Unterbrechnung

„Geschäftsführung, Meinhardt, was kann ich für Sie tun?“, kommt es wie abgespult über ihre Lippen, während ihre Augen weiter an einem interessanten Artikel im Internet hängen bleiben.
„Ah, Frau Meinhardt. Gut, dass Sie noch da sind.“
Das findest aber auch nur du.
„Ist Herr Reichert da?“
„Jaaaa.“
Wirklich toller Artikel, wenn das funktioniert. Schlank im Schlaf – verrückt.
„Könnte ich ihn sprechen.“
„Ich verbinde Sie.“
Tuuut, tuut.
„Ja.“
„Herr Bürger für Sie!“
„Ah gut, ich nehme ihn.“

„Frau Meinhardt, Sie müssen mir unbedingt helfen. Ich komme einfach nicht weiter.“
„Was gibt es denn, Frau Richter?“
Die kleine, korpulente Frau, die das Büro betreten hatte sah so aus, als wollte sie jeden Moment den Kopf in den Sand stecken.
„Ich weiß, sie haben es mir schon bestimmt hundertmal gesagt, aber ich vergesse es immer wieder.“
Nee, bestimmt schon Millionenmal.
„Wie füge ich nochmals ein Bild in eine Präsentation ein?“
„Steuerung C, Steuerung V oder rechte Maustaste klicken Kopieren und einfügen oder aber Bild speichern unter und dann das Bild einfügen.“
„Ach ja, stimmt. Ich vergesse das immer wieder.“
Dann schreib es dir halt auf!
„Kein Problem, Frau Richter! Wie geht es Ihnen sonst so?“
„Ach mein Magen macht mir wieder zu schaffen. Immer dasselbe. Woher das nur kommt?
Jeder Magen rebelliert, wenn er zuerst ein Schnitzelbrötchen, einen Joghurt, Kebap und Pommes mit Majo essen soll.
„Vielleicht sollten Sie mal zum Arzt?“
Frau Richter nickt und geht wieder.

Frau Meinhardt beginnt ihre Sachen zu packen. Sie hat sich extra einen Klappkorb mitgebracht. Das Bild mit ihrer kleinen Nichte wird ordentlich verstaut, ebenso die Kaffeetassen, ihre Gute Laune Tüte und der It’s so easy Button.

Sie blickt auf die Uhr und wartet. 15:30 Uhr.
Riiiiing.
„Geschäftsführung, Mein...?“
„Geben Sie mir meinen Mann, sofort.“
„Natürlich.“
Tuuut, Tuuuut, Tuuut.
“Frau Meinhardt, ich bin mitten in einem Termin, was gibt es?”
Herr Reichert hat die Freisprecheinrichtung am Telefon eingeschaltet. Frau Meinhardt hört Herrn Pfleiderer husten.
„Ihre Frau.“
„Was will sie.“
„Genau weiß ich es nicht, aber wahrscheinlich hat sie das Video von Ihnen und mir im Motel etwas aufgeregt, dass ich ihr per Bote geschickt habe. Ich lege dann auf, Herr Reichert!“
Frau Meinhardt lächelt legt ihr Kündigungsschreiben auf den Schreibtisch und geht.
Sie wusste, dass Herr Reichert es noch bitter bereuen würde, sie durch Frau Simon aus der Buchhaltung ersetzt zu haben.

 

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