Situs inversus abdominalis

Laut schnäuze ich in das Taschentuch. Die anderen Patienten bedenken mich wieder zum wiederholten Male mit diesem angeekelten Blick, nachdem ich bereits zum bestimmt 15. Male mein Taschentuch auf und wieder zugeklappt habe auf der Suche nach einer noch freien Stelle. Zugegeben es ist nicht unbedingt appetitanregend. Allerdings handelt es sich hier nicht um ein Restaurant sondern um ein Wartezimmer!, denke ich.
Die anderen Patienten sehen im Gegensatz zu mir putzmunter aus. Ein älteres Ehepaar hat sich gleich als sie in das Wartezimmer getreten sind 3 Zeitungen auf den Schoß gepackt und sind wohl gerade darin vertieft den neuesten Klatsch und Tratsch über die noch existierenden Königshäuser dieser Welt aufzufrischen. Außer dem Alter ist ihnen nicht wirklich eine Krankheit anzusehen. Allerdings wäre es auch boshaft zu glauben, sie seien tatsächlich nur im Wartezimmer eines Allgemeinmediziners weil heute Donnerstag ist und an diesem Tage, so weiß jeder eifrige Klatsch- und Tratschzeitschriftenleser die aktuellen Ausgaben ausgeliefert werden.
Etwas weiter hinten in einer Ecke sitzt eine junge, sehr adrett aussehende Frau. Die Beine elegant übereinandergeschlagen stellt sie unter einem kurzen Minirock ihre wohlgeformten Beine zur Schau. Ihre Augen gleiten gierig über die neueste Ausgabe der Vogue.
Hatschi.
Der Mann neben mir – Bankertyp im mittleren Alter versucht sich noch weiter weg von mir in seinen Sitz zu keilen, was mich wiederum zum Schmunzeln bringt.
Fast möchte ich mich entschuldigen...
„Frau S....“, flötet die Sprechstundenhilfe. „Zimmer 3.“
Beinahe bedauernd legt Frau S. die Vogue beiseite und trippelt mit ihren Pfennigabsätzen Richtung Zimmer 3. Als sie an mir vorbeikommt merke ich, wie sie die Luft anhält, so als ob das meine fiesen Viren abhalten könnte.
Mein gemeines, kleines Ich meldet sich nun zu Wort und hofft, dass meine Keime ihr eine heftige Krankheit verpassen.
Schneuz
Das Taschentuch ist schon sehr durchgeweicht. Träge raffe ich mich auf und gehe den Flur entlang. Im Wartezimmer höre ich entspanntes Aufatmen. Dann stehe ich vor der Sprechstundenhilfe. Eine junge, ruhige Türkin mit einem weißen Kopftuch. Anders als bei anderen Türkinnen sieht diese Zusammenstellung wenig orientalisch aus. Sie erinnert mich mehr an ein altes Foto meiner Oma als sie noch auf dem Feld gearbeitet hat. Dabei finde ich Kopftücher sonst sehr ansprechend.
Die Sprechstundenhilfe blickt mich fragend an.
„Hätten Sie vielleicht Taschentücher für mich? Meine habe ich schon aufgebraucht!“
Sie nickt, kramt in einer Schublade und fördert eine kleine Box hervor aus dem ein kleines Tuch hervorlugt. Den Arm so weit von sich weggestreckt, dass man fast meinen könnte, sie müsse sich jeden Moment den Arm auskugeln reicht sie es mir.
Ich nehme entgegen und stapfe wieder auf meinen Platz im Wartezimmer, wo ich von meinen Mitwartenden mit einem fiesen Seitenblick begrüßt werde.
Hatschi
Ich schnäuze in eines der neuen Taschentücher.
„Frau M.!“, flötet die Sprechstundenhilfe. „Zimmer 2!“
Endlich. Ich stehe auf, nehme die Box aber mit und gehe in Zimmer 2. Am Schreibtisch sitzt ein älterer Mann mit einer Brille, die für seinen Kopf viel zu groß ist.
„Hallo“, kommt es nasal von mir.
Der Mann blickt kurz auf, nickt und deutet auf einen Platz vor seinem Schreibtisch. Ich gehorche. Endlich richtet er seinen Blick auf mich, bleibt einen Moment an meiner geröteten Nase und meinen tränenden Augen hängen und sagt: „Na, Schnupfen?“
Das Studium hat sich wirklich gelohnt, geht es mir durch den Kopf.
„Ja“, bestätige ich seine Vermutung.
Er murmelt zustimmendes und blickt in meine Karteikarte. Plötzlich geht ein Flackern über seine Augen. Während ich dass sehe, weiß ich schon was als nächstes passiert.
„Sie haben einen Situs inversus....“
„ abdominalis... Ja“, bestätige ich.
„...und das Herz ist...“
„ ... ja, auf dem rechten linken Fleck.“
Seine Augen leuchten.
„Aber ich bin ja wegen meiner Trief....!“
„Das sollten wir uns mal anschauen!“, unterbricht er mich.
„Warum?“ Ich schnäuze geräuschvoll ins Taschentuch.
ER blickt mich verdutzt an.
„Nun ja, es ist schließlich wichtig dass ich dass in ihrer Karteikarte vermerke.“
AHA.
Er deutet auf eine Liege.
„Wir machen mal einen Ultraschall...?“
Ich bin zu kraftlos um zu widersprechen und denke, dass ich ihm seinen Willen gönne, wenn er mir danach mit meiner Nase hilft.
15 Minuten später ist der Ultraschall beendet und der Arzt versucht mich, wenigstens nachdem ich mich angezogen habe aus dem Zimmer zu komplementieren.
„Aber mein Schnupfen...?“, frage ich.
„Ach ja, nehmen sie ein Nasenspray und inhalieren, in Ordnung? Auf Wiedersehen, Frau....“ Er hat meinen Namen vergessen.
„Frau Situs inversus abdominales » antworte ich wütend und rausche hinaus, nehme aber noch im Vorbeigehen wahr, dass dem Banker beim Blutabnehmen schlecht geworden ist und er sich auf eine Liege legen muss – wenigstens das ist gerecht.

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