Kätchen

Kätchen saß auf ihrem Balkon in der Plattenbausiedlung, so wie fast jeden Nachmittag. Hier fühlte sie sich wohl. Umringt von ihren Palmen und ihrem Gartenzwerg, der nicht ständig danach fragte, was sie heute machen wollte, wie viel sie gegessen hatte und ob sie das Gebiss reinigte.

86 Jahre war Kätchen alt. Die Beine wollten nicht mehr so und auch das Gehirn nicht. Demenz nannten sie es hinter vorgehaltener Hand, wenn sie glaubten, Kätchen hörte nicht zu. Früher versuchte sie die Krankheit zu besiegen. Sie schrieb sich Namen auf, dachte ehrlich über Fragen nach. Heute hatte sie dies aufgegeben. Es lebte sich so viel friedlicher, wenn man sich nicht ständig in Frage stellte.

Gesichter erkannte sie kaum noch. Ab und zu flog eine Erinnerung vorbei. Die eines lachenden Kindes – ihrer Tochter. Helen. Ihr Mann in Uniform und wie er auf dem Sterbebett lag. Die Gesichter ihrer Enkel waren nur verschwommene Umrisse. Aber sie ließen sich auch nur an Feiertagen blicken. Wozu ihre Namen merken?

Unten im Hof spielten zwei Jungs fangen.
„Die Jugend von heute ist immer so laut!“, sagt sie zu dem ewig grinsenden Gartenzwerg.
Ein boshaftes Lächeln lässt ihr Gesicht zu einer Grimasse werden: „Ihr kommt auch noch dran.“

„Hallo Frau Berger?“
Eine kalte Hand tätschelt ihre Wange. Kätchen kennt die Frau nicht, fragt aber auch nicht nach. Wird schon seine Richtigkeit haben.
„Haben sie schon etwas gegessen?“
Mechanisches Kopfschütteln.

Die Unbekannte wurschtelt eine Zeit lang in der Küche herum und stellt Kätchen schließlich einen Teller dampfender Nudeln auf den Schoß.
„Guten Appetit!“
Die Frau geht wieder. Kätchen isst nicht.

Ein Ball fliegt ihr auf den Schoss und wirft den Teller mit Nudeln auf den Kunstrasen zu ihren Füßen.

„Entschuldigung, können sie uns den Ball wieder geben?“, rufen die Kinder.

„Ich kann ihn euch nicht runterwerfen. Kommt ihn doch holen“, wieder dieses boshafte Lächeln.

Ein Kind rennt nach oben. Kätchen hat gerade noch Zeit genug, aufzustehen, das blutverschmierte Messer in die Hand zu nehmen auf dem sie gesessen hat und dem bleichen, kalten Jungen, der versteckt hinter der Palme liegt zu sagen: „Gleich bekommst du Gesellschaft.“

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