Ein vollends gelungener Abend

„So Schatz, ich geh dann jetzt!“
Ich drücke meinem Liebsten einen kurzen Schmatzer auf die Lippen und will mich gerade umdrehen.
„Wann kommst du denn wieder?“
„Keine Sorge. Schätzelchen kommt früh genug zurück, um mit dir zu frühstücken oder besser noch um dich mit wildem Sex zu wecken.“
Meine Freundin lacht Jens fröhlich an, der bereits im Jogginanzug und T-Shirt seinem freien Abend harrt und bereits ganz verschlafen aussieht.
„Schön, dann viel Spaß - aber nicht zu viel.“
„Und ob!“, lacht Ari und zieht mich mit sich.
„Bis morgen!“
Die Tür fliegt ins Schloss – endlich.
Es ist knapp vor 23:06 Uhr als wir das Auto auf dem gut beleuchteten Parkplatz abstellen. Bereits gut ein paar Hundert Autos stehen dort und eine Menschenmenge bahnt sich ihren Weg über die gut befahrene Straße.
„Na, den Weg zur Party können wir wohl nicht verfehlen!“, sagt Ari, hakt sich bei mir ein und wir ziehen mit der Masse los in Richtung ohrenbetäubender Musik.
Auf halbem Weg sehen wir bereits den Eingang und eine riesige Schlange davor.
„Scheiße, da ist ja die Hölle los.“
„Ja, ist echt scheiße!“
Hinter uns taucht ein knapp 19-jähriger, schon reichlich vollgetankter Blondschopf auf und grinst leutselig.
Ari grinst mich an, verdreht die Augen: „Genau, Junge!“
Wir gehen weiter, ohne ihn zu beachten: „Sollen wir uns wirklich bei der langen Schlange anstellen?“, frage ich zweifelnd. Mit einem Mal kommt es mir viel verlockender vor, mit meinem Freund unter einer Decke zu kuscheln und Fern zu sehen.
„Ihr könnte ja mit mir kommen. Dann zeig ich euch meine lange Schlange“, lallt es von hinten.
Abrupt drehe ich mich um, lächle den Jungen lasziv an und gehe auf ihn zu. Er schwankt leicht und ich bin mir nicht sicher, ob seine Augen, denen es scheinbar schwer fällt ein Ziel zu fixieren mich tatsächlich wahrnehmen.
„Was hast du bitte gesagt?“
„Ihr könnt euch auch bei meiner langen Schlange anstellen!“, kommt es sehr überzeugt von sich aus seinem Mund.
Die Handbewegung kommt wie automatisch. Blitzschnell fasse ich dem erstaunten Blondschopf zwischen die Beine, übe ein kleines bischen Druck aus, so dass es das richtige Maß an Schmerz hervorruft und sage: „Oh, Schätzchen, glaub mir deine Schlange ist noch nicht einmal groß genug für EINE von uns.“
Er atmet hörbar aus, als ich ihn von meinem Griff befreie, noch einmal kalt lächle, mich umdrehe und wieder zu Ari gehe.
„Respekt, Süße. Hast ja doch nicht alles von deinem einstigen Partyleben verlernt. Dachte schon, du bist jetzt nur noch die biedere Hausfrau.!“
„Ach Quatsch, was glaubst du wie ich mir Jens gefügig mache“, grinse ich und bin zu Recht stolz auf mich.
Jetzt bin ich in der richtigen Partystimmung.


So als hätte nicht mehrere Monate Partyabstinent gelebt, schubse und drängle ich mich durch die Menge, achte nicht auf die wütenden Bemerkungen die uns hinterher gerufen werden und stehe schließlich vor dem Türsteher.
„Der Laden ist voll!“, sagt der unwirsch.
Ari drängelt sich in den Vordergrund: „Hey, Klopps. Lass uns rein!“
Fassungslos starre ich sie an und will ihr schon sagen, dass sie gefälligst die Klappe halten soll, als das dümmliche Gesicht des Türstehers breit grinst: „Hey Kleine, lange nicht gesehen.“
Irritiert beobachte ich, wie sich der Türsteher und meine Freundin umarmen.
„Jaja, bin ein bischen busy zur Zeit!“
Ich hasse es wenn sie englisch-deutsch redet.
„Glaub ich“, nickt der Koloss scheinbar wissend.
„Können wir rein?“
„Ja klar, viel Spaß!“

„Woher kennst du den denn?“
„Fitnessstudio – bischen viel Steroide, aber sonst ein netter Kerl.“
Endlich sind wir wirklich drinnen. Schon nach kurzer Zeit bin ich wieder wirklich ICH. Die Musik strömt durch meinen Körper, der Bass vibriert in mir und zügig bewege ich mich auf die Tanzfläche zu.
Mein Körper bewegt sich im Rhythmus der Musik und ich kann gar nicht anders als zu lächeln – immerzu lächeln.
Auf meinem Bauch tastet sich eine Hand vorwärts und ich bin augenblicklich in der Wirklichkeit zurück. Über meine Schulter nehme ich einen Mann wahr, der sich eng an mich schmiegt und versucht den Rhythmus mitzutanzen – ein kläglicher Versuch.
Ich nehme seine Hand von meinem Körper und funkle ihn böse an. Worte des Zorns wären jetzt unangebracht, schließlich würde das ein erhebliches Maß an Energie fordern, da ich schreien müsste und diese Energie will ich heute auf der Tanzfläche verprassen.

Wieder versuche ich mich dem Gefühl hinzugeben ganz ICH zu sein. Eins mit der Musik und meinem Körper. Schemenhaft zieht immer wieder die Gestalt meiner Freundin vor meinem Auge auf, die scheinbar genauso wie ich elektrisiert ist und sich der Musik hingibt.

Wieder diese Hand auf meinem Bauch.
„Verdammter Scheißkerl. Kannst du das auch mal sein lassen!“

Ich brauche erst mal was zu trinken. Geschickt mogele ich mich durch die an der Bar Anstehenden und bestelle zwei Bier – Ari wird sicher auch eins brauchen.
„Hallo!“
Wie originell – ein Mittvierzieger quatscht mich von der Seite an.

Ich reagiere nicht.
„Hallo!“, diesmal lauter.
Genervt neige ich meinen Kopf und mein Blick scheint zu fragen: „Was willst du eigentlich von mir?“
„Kennen wir uns nicht?“
Es bricht wie eine Welle aus mir heraus, unaufhaltsam: „Scheiße, das ist mal `n richtig origineller Spruch. Wo haste den denn her? Hör mal zu, nicht jede Frau auf dieser Party findet es geil von einem Mitvierzieger in der tiefsten Midlife Cruises den Schwanz zu lutschen, OK?“
Der Mann sieht mich fassungslos an. Irgendwie überkommt mich ein komisches Gefühl in der Magengegend als ich ihn mir näher anschaue.
Der Mann räuspert sich: „Frau Wagner – das ist doch richtig?“ Er wartet eine Antwort gar nicht erst ab. „Auch wenn wir ein großes Unternehmen haben, so habe ich doch den Anspruch meine Mitarbeiter zu kennen. Wir sehen uns am Montag in der Firma!“
Scheiße – der Geschäftsführer.
„Hey, du warst auf einmal weg.“
„Ähm ja“, sage ich und starre meinem obersten Chef-Guru hinterher.
Auf Aris fragenden Blick hin antworte ich nur zusammenfassend: „Typ hat mich auf der Tanzfläche dumm angegraben, dann hab ich unserem Oberboss gesagt, dass ich seinen Schwanz nicht lutschen will.“
„Wenn es sonst nichts ist?“, gluckst sie.
Auf mein noch immer nicht glücklicheres Gesicht lacht sie nur: „Ach komm schon. Jetzt kannst du eh nichts mehr ändern. Kannst ihm ja am Montag sagen, dass du eigentlich meintest, du wolltest ihm keinen blasen, weil du dich viel lieber in den Arsch ficken lassen wolltest.“
Ich kneife sie in die Seite, lache aber. Ari schafft es doch immer wieder mich aufzubauen.

Wir gehen wieder auf die Tanzfläche, versuchen wieder in unsere Trance zu fallen. Nach zwei Stunden, in denen ich versuche mich gehen zu lassen und ICH zu sein, dabei immer wieder versuche mich der Männlichen Reste, wie ich sie nenne zu erwehren, gebe ich endlich auf. Ich will nach Hause – schnell. Auch Aris Stimmung hat sich verschlechtert – sie scheint noch schlechter weggekommen zu sein, was ihre vollgekotzten Schuhe beweisen.
„Lass uns abhauen!“

Schnell sammeln wir unsere Jacken ein und gehen in Richtung Auto.
„Wo ist das Auto?“
Auf dem Parkplatz stehen nur noch wenige Autos und ein Abschleppdienst zieht fröhlich seine Runden. Ich spreche die dabeistehenden Polizisten an: „Ich hab mein Auto hier abgestellt.“
„Das ist schade für sie, junge Frau. Hier dürfen sie nicht parken. Das ist Privateigentum.“
„Aber am Wochenende und dann auch noch abends...“, versuche ich zu erklären.
„Nein, das ist nicht wichtig. Dass ist der Privatparkplat vom REAL und hier dürfen sie nicht parken.“
„Das ist doch Bullshit. Nach Ladenschluss soll also dieser Parkplatz leer stehen!“
Der Polizist zuckt mit den Schultern: „Sie können sich ihr Auto bei der Autoverwahrstelle abholen.“
„Ja gegen das gewisse Entgelt“, schnaube ich.
„Hey, ihr Süßen. Wollt ihr mitfahren? Ich fahre jetzt wieder hin“, sagt der junge Mann vom Abschleppdienst, der gerade wieder ein Auto aufbockt. „Dann schlepp ich euch also doch noch ab.“
Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen. Vor uns steht der Blondschopf von vorhin und grinst uns immer noch mit alkoholglasigen Augen an.

Und so schließt sich der Kreis eines vollends gelungenen Abends.

Kommentare

Es sind noch keine Einträge vorhanden.
Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder