Die Krankheit

„Schwester, Schwester, heben Sie mir doch bitte meine Decke auf. Ich friere so.“
Die junge, adrett gekleidete Frau im Kostüm blickt die alte Dame noch nicht einmal an, die vergeblich versucht ihre Decke vom Flurboden aufzuheben, während ihr Oberkörper ein gefährlichen Spagat unternahm. Die Frage war nicht, ob sie aus dem Bett fallen würde, sondern wann.
Frau Schneider war dieser Anblick so vertraut, wie der ewig nörgelnde Gesichtsausdruckes ihres Chefs, wenn ein Brief mal wieder zu viele Fehler hatte. Seit 10 Jahren arbeitete sie nun in der Verwaltung des Krankenhauses.
Eigentlich war es nicht übel. 38,5 Stunden Woche, Zusatzversorgung, 30 Tage Urlaub im Jahr, die Überstunden konnte sie ausgleichen, wenn es überhaupt dazu kam, dass sie Überstunden machte. Meistens schaffte sie noch nicht einmal ihr Wochenpensum.
Aber die Patienten waren ihr ein Greuel. Gott sei Dank, war der Verwaltungstrakt in einem eigenen Gebäude, weit weg vom Klinikalltag. Welch ansteckende Krankheiten hier grassierten wollte sie lieber nicht wissen.
Frau Schneider benutzte die Rückseite ihres Kuli’s um den Knopf des Aufzuges zu betätigen. Sie achtete sorgsam darauf möglicherweise kontaminierte Flächen zu meiden. Jetzt war auch noch die Schweinegrippe in aller Munde. Wer weiß, ob die nicht schon jemand hatte?
Frau Schneider hielt im Aufzug den Atem an. Eine kleine, hagere Frau in Hausschlappen und Bademantel stieg ein. Sie hatte eine ungesunde, gelbliche Gesichtsfarbe und zu allem Überfluss hustete sie ständig.
Zwischen zwei Hustern brachte sie mühsam hervor: „Ich weiß nicht mehr, wo mein Zimmer ist, können Sie mir helfen? Ich glaube, Station 3.“
Frau Schneider drehte sich um, so dass sie die Frau nicht mehr ansehen musste, die ein erneuter Hustenanfall überkam.
Im nächsten Stockwerk musste sie aussteigen.
Krebsabteilung – das Schlimmste, was das Krankenhaus zu bieten hatte. Und dann auch noch Kinder, die einen ständig betatschen mussten. Nur noch die Irren waren schlimmer. Aber ihr Chef wollte unbedingt eine Unterschrift vom Professor haben, also musste sie das Übel in Kauf nehmen.
Aus der Glastür schauten bereits einghöhlte, traurige Gesichter ihr entgegen.
Faßt mich nur nicht an!, dachte Frau Schneider noch und umklammerte automatisch ihre Unterschriftsmappe.
„Was hast du da drinnen?“
Sie lief an dem Kind mit dem roten Stirnband, dass seine Glatze nur teilweise vergarg eilig vorbei. Aber es gab nicht so schnell auf.
„Wie heißt du?“
Noch drei Türen, dann würde sie das Kind endlich abschütteln können.
„Hast du Angst vor mir?“
Frau Schneider seufzte genervt, das Mädchen mit den stechend blauen Augen kicherte.
„Hallo, Frau Schneider. Was für eine Ehre. Sie in meinem Büro!“, sagte die rundliche Sekretärin der Station sarkastisch.
„Bringen wir es schnell hinter uns. Hier ist die Mappe.“
Gerne doch. Frau Schäring hievte sich aus dem Stuhl, nahm die Mappe an sich und watschelte in das Büro ihres Chef’s.

„Endlich Feierabend! Zu Hause gönne ich mir erst mal eine Dusche“, dachte Frau Schneider bei sich, als sie an der Ampel stand und auf grün wartete. Vorsichtig fuhr sie an. Der LKW, der von links über die rote Ampel flog, sah sie viel zu spät.

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