Das Manuskript

Seufzend legte er das Manuskript beiseite und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Der Rotwein machte ihn müde, das wusste er aber ohne diesen kleinen Sinnestäuscher würde er das Manuskript niemals bis zu Ende lesen.
Noch einmal nahm er einen großen Schluck, lehnte sich in seinem Sessel zurück und begann zu lesen:

Es war ein Nachmittag im Mai, die Sonne schien fröhlich vom Himmel und kitzelte ihre Nase und ihre Zehen....

Er gähnte.

Sie roch die Süße der Blumen, hörte das Zwitschern der Vögel und das Zirpen der Grillen...

Noch einen Schluck - er brauchte dringend noch einen Schluck.

...das Kind in ihr, wollte mit nackenden Füssen über die Wiese toben. Das Gras zwischen ihren Zehen kitzeln fühlen. Aber sie war jetzt eine junge Dame, gerade erst dem Kindesalter entronnen und doch erwachsen...

Ihm schwirrte der Kopf. Das würde eine lange Nacht werden.

...ein Eichhörnchen hüpfte von Baum zu Baum, den Schweif immer wieder stabilisierend gegen die Schwerkraft gerichtet...

Blablabla, dröhnte es in seinem Kopf.
Er stöhnte, als er sich erhob und feststellte, dass seine Beine noch vor dem letzten Glas sicherer gestanden hatten, als sie es jetzt taten.
Seisdrum.

Er nahm noch einen großen Schluck. Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und ging an seinen Schreibtisch. Ein rotes Lederetui lag auf dem Schreibtisch aus dessen Öffnung ein brauner Füller der Marke Visconti hervorlugte. Seine Frau hatte ihm dieses teure Stück, ein La Divina Proporzione für 1.295 Euro gekauft. Den Preis hatte sie ihm damals natürlich nicht verraten. Schließlich sei es ein Geschenk, hatte sie gesagt und ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt. Aber im Internet hatte er den Preis schnell herausgefunden.

Der Füller war ihm ein ewiger Vorwurf: Du kannst nur anderer Leute Werke korrigieren, etwas hinzufügen, ausschmücken und zerstückeln, aber etwas eigenes – einen phantasievollen, genialen Roman, der die Leser fesselt und sie in andere Welten entführt, dass wirst du nie zustande bringen.

Er beachtete das Mäppchen auf seinem Tisch nicht, sondern öffnete die erste Schublade seines Rollcontainers und nahm den roten Stabilo Colorgel Stift hervor und begann an dem Manuskript zu arbeiten.
Stunden vergingen bis er endlich wieder aufsah, sich die Augen rieb und sich genüsslich streckte.

Er überflog nochmals die ersten Seiten. Auch wenn er keine eigenen Romane verfassen konnte, sondern nur in den geistigen Werken anderer herumfuhrwerkte – sein Handwerk als Lektor verstand er. Die Geschichte hatte jetzt Spannung, Leidenschaft, Intrigen und einen Hauch von der Geschichte, die er vorhin gelesen hatte.

Zufrieden ging er am nächsten Morgen in den Verlag, das Manuskript fein säuberlich in seiner Aktentasche verstaut. Vor seinem Bürozimmer, saß eine unscheinbare Frau in den mittleren Jahren, eine Handtasche auf ihrem Schoß, die sie nervös an sich drückte. Das war also die
Autorin. Genauso hatte er sie sich vorgestellt. Ein kleines Hausmütterchen, dass sich selbst verwirklichen wollte und mit dem Schreiben begonnen hatte.

Er schob die zynischen Gedanken beiseite, setzte sein strahlendstes Lächeln auf und ging auf die Frau zu: „Sie müssen die Autorin dieses umwerfenden Werkes Die aufgehende Knospe sein, nicht wahr? Talent erkenne ich doch gleich.“

Die Frau nahm unsicher seine dargereichte Hand und lächelte: „Ich habe Talent?“

„Da fragen Sie noch?" Er lachte, bot ihr seinen Arm an, in den sie sich einhackte. "Es war mir ein Hochgenuss ihr Manuskript zu lesen.“

Charmant lächelte er sie an und sagte in etwas vertraulicher Manier und mit einem Augenzwinkern: „Nur ein paar Kleinigkeiten hätte ich Ihnen vorzuschlagen – aber die sind kaum von Bedeutung. Lassen sie uns in meinem Büro darüber reden.“

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