1000 gute Gründe

Ich wachte schweißgebadet auf. Seit 10 Tagen ging es nun schon so. Immer derselbe Traum. Mein Boss in seiner Lieblingsbeschäftigung – sich über mich lustig zu machen, mir jeden Fehler vorhaltend und dann lachend über meine Dummheit herziehend.
Am Ende des Traumes blieb immer das selbe Gefühl: Scheiße, noch 3 Stunden, dann sehe ich ihn wieder.
Herr Karamell ist ein kleiner Mann und so klein wie er ist, so groß ist er darin andere herunterzuputzen. Das fing bereits am ersten Tag an, in der ich die Vertretung für seine Sekretärin übernommen hatte.
„Frau Nödig, kommen Sie mal bitte in mein Büro.“
„Natürlich, Herr Karamell“, flötete ich noch gut gelaunt.
Herr Karamell saß hinter seinem Schreibtisch und kritzelte auf einem Stück Papier herum. Äußerst langsam schien er gewillt zu sein, seine Augen auf meine Wenigkeit zu richten.
„Frau Nödig, wissen Sie, wo Frau Samuel die Unterlagen für die Empfangsmitarbeiterin aufbewahrt?“
„Ja, Herr Karamell. Es sind allerdings vier Kartons mit Bewerbungsunterlagen, die....“
„Hören Sie mir doch erst mal fertig zu, Frau Nödig, bevor Sie einfach so daherplappern.“
Ich verstummte.
„Ich brauche die Unterlage von einer Bewerberin, die ein Passfoto mitgeschickt hatte. Der Name ist mir allerdings entfallen. Suchen Sie bitte danach!“
„Herr Karamell?“
Herr Karamell hatte sich längst wieder seiner Kritzelei zugewandt und beachtete mich nicht weiter. Ich fasste mir ein Herz: „Schicken nicht alle Bewerber ein Passfoto mit.“
Herr Karamell grinste süffisant: „Bestimmt, aber dieses war kleiner als die anderen. Also bitte...“
Er erwartete, dass sich raus ging und ich tat es.
Den ganzen Vormittag suchte ich die in Frage kommenden Bewerbungen nebst Passfoto heraus. Mit Stolz überreichte ich sie Herrn Karamell.
„Was soll ich denn damit?“
„Aber... aber, sie wollten doch die Bewerbungen mit einem kleinen Passfoto?“
„Frau Nödig, glauben Sie allen Ernstes, ich habe Zeit mir all diese Bewerbungen anzusehen? Sie sollen mir sagen, wie die Dame heißt und mir diese eine Bewerbung bringen. Ich hatte Ihnen nur eine Hilfestellung gegeben.“
Die Bewerbung habe ich bis jetzt immer noch nicht gefunden...
Gestern meckerte er, weil der Kaffee schlecht sei. Ich erklärte ihm, dass die Kaffeemaschine die Dosis selbst zusammenmischt und ich alles genauso gemacht habe, wie seine Sekretärin. Da knallte er die Tasse auf den Tisch, so dass der Kaffee überschwappte und genau auf seine Unterlagen floß: „Sehen Sie nur, was Sie gemacht haben!“
Langsam stand ich auf. Ich werde bestimmt nicht mehr schlafen können.
Nur noch eine Woche, nur noch eine Woche dann bin ich den Drecksack los.
„Guten Morgen, Herr Karamell!“, begrüßte ich ihn wenige Stunden später im Büro und versuchte möglichst selbstbewusst zu klingen.
„Sind die Unterlagen für meine Reise fertig?“, sagte er ohne mich anzusehen.
Ich hüpfte fast vom Stuhl, um ihm so schnell wie möglich die Unterlagen in sein Büro nachzutragen.
„Wann fahre ich?“
„16:38 Uhr“, meine Stimme hörte sich so verdammt kriecherisch an, dass ich selbst gerne kotzen möchte.
„Warum so früh?“
„Sie hatten gesagt...“
„Wo muss ich umsteigen?“
„Mannheim.“
„Geben Sie her und Kaffee!“
„Ja“, hauchte ich.

Ich setzte mich wieder an meinen Platz und starrte auf den Kalender von Herrn Karamell. Heute würde er mir für ein paar Stunden erspart bleiben – Auswärtstermin. Wie schön.
Es klopfte: „Herein?“
„Hallo, Frau Nödig. Ist Herr Karamell da? Ich möchte mich gerne von ihm verabschieden.“
Frau Solitor stand vollbepackt mit mehreren Blumensträußen im Zimmer. Vor einer Woche hatte Herr Karamell sie mit den Worten entlassen, dass sie gefälligst sehen soll wie sie ihre fünf Bälger durchbringt. Dass sie sich wirklich noch von ihm verabschiedete, empfand ich bewunderungswürdig.
Ich kündigte sie an und Herr Karamell empfing sie tatsächlich.
Noch bevor ich meinen Platz wieder erreiche hörte ich den Schuss. Frau Solitor lief völlig kopflos aus dem Büro, in ihrer Hand ein Revolver.
Auf alles gefasst ging ich in Herrn Karamells Büro. Da lag er, die Augen blicklos geöffnet, in der Brust klaffte eine riesige Wunde. Was ich tat, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich sammelte die Abschiedskarten und Blumensträuße ein, die Frau Solitor fallen gelassen hatte und warf sie weg. Ich schloss die beiden anderen Türen auf, die zu seinem Büro führten und rief die Polizei.
„Tut mir leid, ich weiß leider nicht, wer es gewesen ist. Als ich von der Poststelle wieder zurückkam, war er schon tot.“
Ob ich Reue empfinde? Nein, keineswegs.
Frau Solitor und ich sind gute Freundinnen. Morgen treffen wir uns auf einen Kaffee.

 

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